Murwasser

Runter an den Fluss, an einer nicht zu ruhigen Stelle das Stamperl eingetaucht, etwas warten, damit sich die Schwebeteilchen setzen – und Prost! Etwas metallisch auf der Zunge mit einer säuerlichen Note am Gaumen, aber sehr süffig im Abgang, so präsentiert sich das Murwasser, Jahrgang 2005, beste Grazer Lage, nach ergiebigem Regen. „Das Wasser ist dann gut, wenn fast nichts drinnen ist“, weiß Johann Wiedner, Leiter der Abteilung für Wasserwirtschaft beim Amt der Steiermärkischen Landesregierung. „Beim Wasser ist es genau umgekehrt wie beim Wein, wo gilt: Je gehaltvoller desto besser.“
In den 60er- und 70er-Jahren war das Murwasser von Judenburg abwärts noch verdammt gehaltvoll. Kommunale und industrielle Abwässer steuerten Phosphate, Nitrate und Nitrite, Stickstoffe, Chloride und Mikroorganismen in großen Mengen bei. Die damals gehäuften Berichte von UFO-Landungen in der Steiermark gehen ursächlich auf diesen Umstand zurück. Wer immer es riskierte, einen guten Schluck aus dem Fluss zu nehmen, änderte schlagartig seine Gesichtsfarbe. Erich von Däniken hat sich geirrt: Die grünen Männchen kamen nicht vom Mars, sie kamen von der Mur.
In der gängigen Skala der Wassergüte von I (sehr gut) bis IV (außergewöhnlich stark belastet) erreichte die Mur von Leoben bis nach Wildon in diesen Jahren die Höchstnote IV. In den 80ern wurde endlich ein Maßnahmenplan zur Mursanierung ersonnen und auch umgesetzt: Die Gemeinden erhielten Kläranlagen, die Unternehmen der Zellstoff- und Papierindustrie, ihres Zeichens Hauptverschmutzer, verbesserten ebenfalls ihre Abwassertechnik. Seither stinkt die Mur nicht mehr. Wo anno dazumal reißende Kloake war, herrscht heute solide Güteklasse II. Der Verkostung steht also nichts im Wege, besonders wo der heurige Jahrgang so gut ausgefallen ist.

PS: Der Experte empfiehlt zum Nachspülen ein Schnäpschen.

erschienen in: VIA Airportjournal, August 2005

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner