Opulente transsilvanische Bilder

Eginald Schlattner malt auch in seinem dritten Roman, „Das Klavier im Nebel“, ein eindringliches Bild der siebenbürgischen Zeitgeschichte. Von Werner Schandor

Vor zwei Jahren hatte ich Gelegenheit, für ein paar Tage nach Siebenbürgen zu fahren. In der Nähe von Sibiu/Hermannstadt traf ich einen älteren Mann, der eine Keusche bei der Ruine einer sächsischen Kirchenburg bewohnte. Seine Tochter kam gerade von der Schule heim. Er erzählte mir, seine Frau sei vor zwei Jahren gestorben. Die Hühner liefen in der Ruine herum. Die jungen Katzen spielten im Gras. Eine Idylle mit Kratzern. Was mich neben dem Schicksal des Mannes am meisten berührte, war die Tatsache, dass er, den ich in diesen ärmlichen Verhältnissen antraf, ein vollendetes Deutsch sprach. Er drückte sich klar und gewählt aus, ohne gespreizt zu wirken, und führte jeden Satz – auch die verschachtelten – formvollendet zu Ende, und zwar mit einer Ruhe und einem Taktgefühl, das uns, die wir bemüht sind, in möglichst kurzen Sätzen möglichst viel Information unterzubringen, längst abhanden gekommen zu sein scheint.

Ähnlich verhält es sich mit den Büchern des 1933 in Arad, Rumänien, geborenen Eginald Schlattner. Mit seinem späten Debüt, „Der geköpfte Hahn“, legte er 1998 einen Roman vor, der die Behauptung, das Erzählen nach alter Schule sei unmöglich geworden, Lügen strafte. „Der geköpfte Hahn“ war ein Breitwandepos einer sächsischen Jugend in Siebenbürgen vor dem völligen Zusammenbruch großdeutscher Träume. Die FAZ würdigte Schlattner für sein Debüt als „Erzähler von fontanescher Reife“. 2001 folgte ein Roman darüber, wie leicht man in einem politischen Repressionssystem wie dem rumänischen Kommunismus stalinistischer Prägung Schuld auf sich laden konnte: „Rote Handschuhe“. In seinem dritten Roman, „Das Klavier im Nebel“, setzt Eginald Schlattner thematisch und chronologisch beim „Geköpften Hahn“ an. Und auch der Thomas Mann’sche Erzählduktus ist geblieben.

Der Tag, an dem sich alles ändert, ist der 11. Juni 1948. An diesem Tag werden in Rumänien die wichtigsten Produktionsbetriebe mit einem Schlag enteignet. Otto Rescher, Herr über ausgedehnte Sonnenblumenfelder und eine Fabrik, die die Kerne verarbeitet, wird als renitenter Kapitalist ins Gefängnis gesteckt. Seine Familie muss die herrschaftliche Villa räumen, seine etwas überkandidelte Frau vertschüsst sich und beginnt ein neues Leben als Arbeiterin in einer Fischfabrik am Schwarzen Meer. Die Mutter des Fabrikanten findet Herberge bei der Haushälterin der Familie, nur sein jugendlicher Sohn Clemens, die Hauptfigur in diesem Roman, bleibt verwirrt zurück und versucht seinen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die in den Schleudergang geraten ist.

Schauplatz des Romans ist Schäßburg in Siebenbürgen − in aktuellen Landkarten Sighisoara genannt und in Fremdenverkehrsprospekten als „Nürnberg des Ostens“ angepriesen −, wo Sachsen, Ungarn, Szekler, Rumänen, Juden, Zigeuner und Armenier Jahrhunderte lang zusammengelebt haben. Man erfährt bei Schlattner viel über die gesellschaftliche Ordnung in dieser Stadt mit deutscher Oberschicht, und man erfährt vor allem, wie die Ordnung durch die Machtübernahme der rumänischen Kommunisten schlagartig völlig durcheinander gerät. Festgemacht werden die sozialen Umwälzungen an einzelnen Figuren, z. B. am ehemaligen Kutscher der Familie Rescher, einem Ungarn, der als Parteigänger der Kommunisten Karriere macht und sein Möglichsten tut, um seine ehemaligen Dienstherren zu beschützen. Das geht so lange gut, bis er selbst in Ungnade fällt. Oder an der Grand Dame des Hauses, der Mutter des Fabrikanten, die plötzlich Geschmack an der Arbeit findet, aber ihre tägliche Teestunde zum Ärgernis der neuen Machthaber so lange am Kirchplatz abhält, bis ihr die Partei erlaubt, wenigstens die ehemaligen Stallungen der enteigneten Familienvilla herrichten zu lassen und zu beziehen. Und nicht zuletzt an Clemens, dem Sohn des herrschaftlichen Hauses, der nach dem Schicksalstag zuerst damit liebäugelt, nomadisierender Schafhirte zu werden, sich dann aber doch als Arbeiter in einer Ziegelfabrik die Hände schwielig schuftet. „Die Welt hier steht kopf“, bemerkt eine der Figuren, „und wir alle finden uns darin schwer zurecht. Doch trainieren wir.“

Das Figureninventar des Buches umfasst 20 bis 30 Personen − reiche und arme Sachsen, Rumänen, Ungarn, Juden, Zigeuner −, von denen man im Lauf der 520 Seiten erfährt, wie sie die bewegten Zeiten der 30er- und 40er-Jahre gesehen und erlebt haben, und was diese Zeiten für sie bereit hielten. Eng verwoben in das soziale Drama sind die Herzensverstrickungen von Clemens Rescher, der eines Tages den Weg der rumänischen Bürgerstochter Rodica kreuzt, die auf einer Kolchose angeheuert wurde, den Kühen auf dem Piano Mozart vorzuspielen, um deren Milchleistung zu steigern. Zwischen Clemens und Rodica ist es Liebe auf den ersten Blick. Allerdings wäre die Verbindung der beiden aufgrund der verschiedenen Volkszugehörigkeit schon in ruhigen Zeiten schwierig gewesen. Um wie vieles mehr in den Zeiten der Revolution.

„Für Christina, die Liebe eines Sommers, die Trauer eines Lebens“ − Dieser Widmung, die dem Buch auf Deutsch und Rumänisch vorangestellt ist, kann man erstens entnehmen, dass der Liebesgeschichte im Buch kein Happy End beschieden ist, und zweitens, dass Eginald Schlattner auch im „Klavier im Nebel“ auf autobiographische Erfahrungen zurückgreift. So plastisch sind die Ereignisse geschildert, so detailreich und intim die seelischen Vorgänge des Protagonisten beschrieben, dass man meint, der Autor hätte auf jugendliche Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit zurückgegriffen.

Wie schon in den vorangegangenen beiden Romanen erzählt Schlattner seine Geschichte anhand einer Kette von Motiven und Symbolen. Brennnesseln spielen im Buch eine wichtige Rolle; ein Schwanenpaar, durch dessen Hälse ein Pfeil steckt, sodass sie im Tod miteinander verbunden sind, ist das Inbild der Herzenszustände des Protagonisten; die Hitze, die in eindringlichen Beschreibungen über der Landschaft brütet und auf den Figuren lastet, wärmt den Leser selbst an kühlen Regentagen; und nicht zuletzt wimmelt es im Buch − titelgebend − von Klavieren: Klaviere in Herrenhäusern, in Kuhställen, in endlosen pannonischen Weiten, kaputte Klaviere in Brennnesselstauden. „Wortlos ruderten sie durch das Gewuchere von Nesseln, deren Brennhaare die Haut versengten. Sie stießen an ein Ungetüm und taten sich weh. Als sie es mit den Händen umfingen, erkannten sie: Es war ein Klavier, das dalag, mit gerissenen Saiten, mit aufgesplittertem Furnier, mit verbogenem Pedal, mit Tasten, die von Nesseln durchwachsen waren, ein Klavier im grünen Nebel.“

Im Einsatz von Symbolen trägt der Theologe Schlattner manchmal zu dick auf. Ebenso hätten bei den existenzialistischen Dialogen ein paar Streichungen nicht geschadet. Clemens und diverse Gesprächspartner liefern sich lange Wortgefechte, die sich um den Wandel, die Schuld und letztlich um das Gefühl der Verlorenheit drehen. Insgesamt aber ist „Das Klavier im Nebel“ erneut ein beeindruckendes Buch. Schlattner wirft einen literarischen Blick in die jüngere Geschichte einer spannenden Region in Europa. Er schreibt, wie die Siebenbürger Sachsen Hochdeutsch sprechen: Gewählt und klar, so dass es ein Vergnügen ist, in diesen Kosmos einzutauchen, an dem im Vakuum eines repressiven Staates die literarische Moderne offenbar schad- und spurlos vorüber gegangen ist.

Eginald Schlattner: Das Klavier im Nebel. Roman. Paul Zsolnay Verlag: Wien 2005. 520 Seiten

erschienen in der Wiener Zeitung vom 11.11.2005

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