Return to Sender – Vom Verfall der Briefkultur

Vielfältig sind die Methoden, am Schreiben eines Briefes zu scheitern. Mit dem Niedergang der deutschen Sprache, der durch elektronische Medien und von der deutschsprachigen Rechtschreibreformkommission hurtig vorangetrieben wird, gelingt auch das Scheitern in der Korrespondenz immer perfekter. Von Werner Schandor

Als das E-Mail die Büros und Heim-PCs eroberte, wurde dem Brief auf Papier schon das Ende prophezeit. Doch Totgesagte leben länger. Insgesamt wird die Österreichische Post AG im Jahr 2005 rund 1 Milliarde Briefe zugestellt haben, das sind zwischen 10 und 15 Millionen Briefe pro Tag, sagt Michael Homala, der Unternehmenssprecher der Post. Die Zahl der Briefsendungen ist seit fünf Jahren stabil, Umschichtungen sind allerdings bei der Art der Briefe zu verzeichnen. Dem Rückgang privater Offline-Korrespondenz steht ein Zuwachs an Geschäftsbriefen gegenüber, und diese Tendenz kann vermutlich jeder aus eigener Anschauung bestätigen: Der Briefkasten – oder wie es korrekt heißt: das Hausbrieffach – spuckt nur noch Rechnungen, Werbungen und Geschäftsangebote aus. Eine Ansichtskarte von einem Freund oder Familienmitglied ist bereits das höchste der Gefühle privater Korrespondenz geworden. Kein Wunder, wenn es mit der Kunst des Briefeschreibens trotz gleichbleibender Versandmengen bergab geht. Vier Beispiele aus einem Zeitraum von fünf Wochen illustrieren, wie vielfältig die Möglichkeiten des Scheiterns auf diesem Gebiet sind, und wie rapide der Verfall der Briefkultur voranschreitet.

Brieflich scheitern 1 – Die Anschrift und Anrede
Im Oktober erreichte mich ein Schreiben des Grazer Büros für Lohn- und Gehaltsverrechnung Resultatio, das mir seine Dienste zur Durchführung der Lohnverrechnung meiner Mitarbeiter anbot. Der Brief war an „Schadner Mag. Werner“ gerichtet und begann daher auch mit den klassischen Worten: „Sehr geehrter Herr Mag. Schadner“ …
Mit dieser schlichten Anrede hat die Firma Resultatio in ihrem Werbebrief das Scheitern besonders schön vollzogen, denn kein Adressat sieht seinen Namen gerne verhunzt, noch dazu wenn es sich um einen so schönen, klingenden, vom Ur-Ur-Ur-Opa väterlicherseits aus Ungarn ererbten handelt. Fazit: KO in der ersten Runde für die Briefeschreiber von Resultatio.

Brieflich scheitern 2 – Die Umgangsform
Mitte November fand sich ein Schreiben der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) in meinem Briefkasten. Es handelte sich um den „FRAGEBOGEN zur beitragspflichtigen Mitversicherung (§ 27c GSVG)“. Auf dem Formular waren meine Sozialversichungsnummer und die meiner Angetrauten in den entsprechenden Feldern eingesetzt, der Rest des Formulars war unausgefüllt, und als Begleitschreiben war ein kleines grünes Post-it auf das Papier geklebt. Auf das Post-it hatte jemand mit Kuli geschrieben: „ausgefüllt rücksenden“, und das war alles, was sich die SVA an Kommunikation mit ihrem Beitragszahler abringen konnte.
Meine Ansprüche an zwischenmenschliche Umgangsformen sind im Allgemeinen nicht besonders hoch. Aber ich habe es gerne, wenn man Hallo und Pfiati zu mir sagt und nicht zu Begrüßung oder Abschied bloß die müden Augenlider ein wenig hebt, wie es im Umfeld von Graz 2003 kurzfristig in Mode geraten war. Ebenso hätte ich mich bei dem Schreiben der SVA sehr über ein bisschen Ansprache gefreut, und gerne hätte ich beispielsweise auch gewusst, wie der Mensch heißt, der mit mir Kontakt aufnehmen wollte. Sollte nicht sein. Um allerdings der behördlichen Unsitte des Post-it-Ersatzbriefes ohne Grüß Gott und Auf Wiedersehen keinen Vorschub zu leisten, lasse ich dieses Schreiben einfach unbeantwortet, bis ich einen gescheiten Brief von der SVA bekomme.

Brieflich scheitern 3 – Die Information
Ich fühlte mich nicht schlecht geehrt, als ich am 23. Oktober einen Brief erhielt, der gleich von zwei Ministern unterschrieben war: Karl Heinz Grasser und Martin Bartenstein hatten ihre Namen und ihre eingescannte Unterschriften auf das Schreiben setzen lassen, mit dem sie mich (und vermutlich Tausende andere) auf den Gründertag „Unternehmen Sie was!“ aufmerksam machen wollten. In einem Mischmasch aus alter und neuer Rechtschreibung formulierten sie: „Um Ihnen den Weg in die Selbständigkeit [alte Rechtschreibung] zu erleichtern [hier kann nach neuer Rechtschreibung tatsächlich der Beistrich ausbleiben] bieten wir erstmalig die Gelegenheit, sämtliche Förder- und Beratungsstellen zur selben Zeit an einem Ort – ganz in Ihrer Nähe – kostenlos in Anspruch nehmen zu können.“ ¬– Ja, das hätte mich prinzipiell schon interessiert, wenn mir die Herren Minister nur verraten hätten, wo dieser wunderbare Ort liegt. Doch dazu gab es in ihrem Brief nicht die Spur eines Hinweises. Aber es war auch schon egal, denn der Gründertag „Unternehmen Sie was!“ am 20. Oktober 2005 war bereits Geschichte. Der Brief kam, wie gesagt, erst am 23. Oktober bei mir an. Macht nichts, meine Herren Minister! Ich hätte ja noch die von Ihnen ignorierte steirische Gründermesse am 26. Oktober – ganz in meiner Nähe – besuchen können.

Brieflich scheitern 4 – Das Timing
Schon blöd, wenn die Post zu spät zugestellt wird. Aber noch blöder, wenn sich zwischen Aufgabe und Zustellung eines Briefes Dinge ereignen, die den Inhalt des Schreibens in seltsames Licht tauchen. So ist es der BAWAG-PSK Ende Oktober 2005 ergangen. Die Bankengruppe verschickte an die PSK-Kunden eine Broschüre mit dem Titel „Das kleine 1 x 1 der Wertpapiere. Wir holen mehr für Sie raus.“. Das sehr gut formulierte Begleitschreiben zur Broschüre richtete sich einfühlsam an Aktien-Nackerpatzeln wie mich und schloss durchaus verlockend mit dem Satz: „Wir beraten Sie, wie Sie Ihr Geld ertragreicher für sich arbeiten lassen können!“ Das Blöde war nur – und die Pointe haben Sie vielleicht schon erraten –, dass dieser Brief ausgerechnet in jener Woche bei den BAWAG-PSK-Kunden einlangte, als die Schlagzeilen voll waren von jenen 425 Millionen Euro, die die BAWAG-Spitze mit ihrem Kredit an einen maroden US-Börsenfuzzi in den Sand gesetzt hat. Ein nicht gerade vertrauensbildender Vorfall. Man kann sich ausrechnen, dass zu diesem Zeitpunkt eher weniger Kunden Interesse hatten, mehr von ihrem Ersparten einem Geldinstitut anzuvertrauen, das es Hals über Kopf amerikanischen Betrügern in den Rachen wirft. Das Direct Mailing der BAWAG-PSK war vom Zeitpunkt her einfach unglücklich angesetzt, was die Verantwortlichen nicht ahnen konnten, als sie die Aussendung losschickten. Ein kleiner Trost war ihnen sicher, dass die paar Tausend Euro, die sie in die unglückselige Broschüre und den Briefversand butterten, angesichts des 425 Mio. Euro-Ausstandes der BAWAG eine Lappalie sind. Tja, so kann man sich verspekulieren.

erschienen in korso, Nr. 12, Dez. 2005