Schnöselshop is watching me

Muss mich outen: als einer dieser Kapselmaschinenkaffeekonsumenten, denen man per Werbung göttliches Aussehen suggeriert, wenn man nur den richtigen Espresso trinkt. Rein ökologisch ist das natürlich der Wahnsinn, all die sputnikförmigen Aluhütchen, die man da Tag für Tag in eine Maschine stopft, als würde man sie ins Weltall schießen wollen; stattdessen faucht Wasserdampf durch, und aus der wertvollen Kapsel wird in nullkommanix Müll. Ob der Kaffee daraus wirklich besser ist als jener, den man aus Filtertüten gewinnt, kann ich eigentlich nicht sagen. Aber es ist ein bisschen wie bei Ikea-Möbeln, wo man sich gleich als Chef-Heimwerker fühlt, wenn man die vorgestanzten Möbelteile im Schweiße seines Angesichts und nur mit einem kleinen, mitgelieferten Inbusschlüssel bewaffnet selbst zusammenbauen kann. Selbst der linkshändigste Büromensch kommt sich mit so einem Inbusschlüssel plötzlich wie Homo faber vor. Bei den Kaffeekapseln detto. Auch wenn im Alltag die Kochkünste nicht über die verletzungsfreie Bedienung der Mikrowelle hinausreichen, macht einen die Kaffeekapsel glauben, man sei ein Top-Barista mit dem Aussehen von George Clooney. Aber ökologisch halt der Wahnsinn – hab ich das schon gesagt?

Das zweite Handicap ist der Erwerb der mit Kaffee gefüllten Aluhütchen. Dazu muss man sich nämlich in einen Laden begeben, der von Shopdesignern ganz auf Konsumtempel gestylt wurde. New York, Fifth Avenue, ist die reinste Provinzkirmess gegen diese Kathedrale, wo alle mit den gleichen kaffeebraunen Anzügen uniformiert sind und so tun, als würden sie in einer Privatbank arbeiten, in der ausschließlich Milliardäre verkehren. Die Innenausstattung ist – von der Mahagonitheke bis zum Kristalllüster – vom Feinsten, die Kapseln sind nach Farben geordnet und millimetergenau sortiert, und die Nasen der Angestellten werden mindestens zwei Zentimeter höher getragen als in jedem anderen Geschäft der Stadt. Und das will etwas heißen in Graz.

Man stellt sich an, wird mit „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ begrüßt – und schon ist man in der Verlegenheit, die pseudoitalienischen Namen der Kaffeekapselkreationen fachgerecht aussprechen zu müssen. Wenn es nicht klappt, bekommt man vom Personal ein mildes Lächeln geschenkt. Zum Schluss heißt es immer: „Sind sie schon Kunde von uns?“ – Natürlich gehöre ich zum exklusiven Club! Wie 20 Millionen andere Menschen auf der Welt. „Sind Sie schon Kunde von uns?“ – und dann wird mein Einkauf ins Datennetz gespeist. Als ich da neulich über die Budel lunzte, um zu sehen, ob meine Adresse richtig ausgebessert wurde, erhaschte ich einen Blick auf meinen Datensatz. All meine Kaffeekapseleinkäufe waren verzeichnet, nach Sorten gereiht und mit farbigen Balken versehen. Je mehr von einer Sorte, desto länger der Balken. „Interessant“, meinte ich. Aber dem Verkäufer war es peinlich. „Das dürften Sie eigentlich gar nicht sehen“, sagte er. Tja, so läuft das Spiel: Der Konsument ist gläsern, der Schnöselshop aber durchsichtig wie eine Alu-Kapsel. – Genug der beinharten Konsumkritik, jetzt brauch ich einen Kaffee!

Werner Schandor

Erschienen am 6. 11. 2011 im Grazer Stadtmagazin „G7“ der „Kleinen Zeitung“

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