Selbstspiegelung in der Bentobox

Verhaltene Gefühle und kulinarische Genüsse prägen Hiromi Kawakamis Bücher. Von Werner Schandor

Bevor ich diese Rezension begann, aß ich in einem kleinen italienischen Restaurant in der Grazer Schmiedgasse Gnocchi mit Tomatensauce und geschmolzenem Marzolino-Käse. Das Gericht hatte eine herrlich frische Basilikumnote, und ich erwähne das nur, weil es kaum eine Autorin gibt, bei der das Essen wichtiger wäre als bei der Japanerin Hiromi Kawakami. Ihre vier bisher auf Deutsch erschienenen Romane beglücken mit der Schilderung verhaltener Gefühle und kulinarischer Genüsse: Die Protagonisten sind ständig am Essen, und Hiromi Kawakami vergisst nie dazuzusagen, wo ihre Figuren speisen und was bei ihnen am Teller bzw. in der Bentobox liegt. Das ist auch beim neuen Buch „Bis nächstes Jahr im Frühling“ nicht anders, wobei diesmal das mit dem Beglücken so eine Sache ist. Zum Einen ist der Hauptfigur Noyuri das Glück nicht hold – schließlich hat sie von einer anonymen Anruferin erfahren, dass sie von ihrem Mann Takuya betrogen wird. Zum Anderen hat das Buch gewisse Längen, die das Vergnügen beim Lesen ein wenig einschränken; doch eins nach dem anderen.

Kawakami erzählt die Geschichte eines verlorenen Jahres. Obwohl es um die großen Dramen der Ehe geht – Mann betrügt Frau, Geliebte wird schwanger, Frau ist verzweifelt, Mann weiß auch nicht weiter … –, kommen die Gefühle der Hauptfiguren nur schemenhaft zur Geltung. Sie zeichnen sich ab wie Schatten hinter einer Wand aus Reispapier. Impulsive Gesten scheinen den Figuren Kawakamis prinzipiell fremd; und dementsprechend ist auch die Erzählweise der Autorin sehr distanziert. Vorgänge werden nüchtern berichtet, das Leben rauscht wie im Traum an den Figuren vorbei: Die Protagonistin Noyuri nimmt einen Job als Sprechstundenhilfe an, trifft sich mit der Geliebten des Mannes, ohne dass dabei etwas herauskäme, verliert ihren Job wieder und taumelt durch ihr Leben in Schlangenlinien, die ein großes Fragezeichen in ihre ganze Existenz hineinschreiben. Ihr einziger Vertrauter ist Makoto, der jüngere Bruder ihrer Mutter – aber der hat seine eigenen Eheprobleme. Noyuris Mann wiederum, Takuya, ist sowieso unfähig, seinen Gefühle auszudrücken und flüchtet sich ins unberedte Schweigen.

So vergeht Monat um Monat, ohne dass sich rasend viel tun würde. Dazwischen wird gegessen, wobei die Autorin jede Speise genau notiert. Fast scheint es, als ob das Essen das einzig sinnliche Erlebnis wäre, das an diesen von gesellschaftlichen Konventionen deformierten Figuren nicht völlig verkorkst ist. Ein Akt der Selbstvergewisserung – und auf gewisse Weise auch ein Spiegel der langsamen psychologischen Entwicklung der jungen Frau, die im Zentrum des Buches steht. Die Art, wie sie das Essen wahrnimmt, korrespondiert sehr dezent mit ihrer Selbstwahrnehmung. Hier zeigt sich die erzählerische Meisterschaft Kawakamis, was die behutsame Zeichnung der Figuren betrifft. Nur leider zieht sich durch die Mischung aus distanzierter Schilderung und anhaltender Gefühlslähmung die Lektüre von „Bis nächstes Jahr im Frühling“ zwischendurch etwas in die Länge; insbesondere, wenn der emotionale Stillstand, in dem sich Noyuri befindet, in redundanten Passagen widerhallt:

„Ein Stück hinter der Endhaltestelle gelangten sie an einen kleinen Wasserfall.

‚Ein Wasserfall‘, sagte Noyuri.

‚Ach ja, ein Wasserfall‘, erwiderte Makoto.“

Wer bereit ist, ein paar solcher zähen Stellen in Kauf zu nehmen, der wird ein in seiner Melancholie dennoch sehr leichtes Buch vorfinden. Ein Buch, das von einer schwierigen Phase im Leben einer jungen Japanerin erzählt – und davon, dass es manchmal, auch wenn es weh tut, das Richtige sein kann, die Dinge einfach laufenzulassen und abzuwarten, wie sie sich entwickeln.

 

Hiromi Kawakami: Bis nächstes Jahr im Frühling. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Carl Hanser Verlag: München 2013. 222 Seiten

Diese Buchbesprechung erschien am 13. Juli 2013 in der Wiener Zeitung

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