Skelette in Tschechiens Schrank

Radka Denemarková erzählt in ihrem ausgezeichneten Buch „Ein herrlicher Flecken Erde“, wogegen sich Tschechiens Präsident so vehement wehrt – eine Neubewertung der tschechischen Nachkriegsgeschichte.

Die Tschechen haben keine Leichen im Keller, sie haben Skelette im Schrank, und da seien Politiker vom Schlag eines Václav Klaus vor, dass diese Skelette ans Licht der europäischen Öffentlichkeit gelangen. Beneš-Dekrete hin oder her, die in Prag lebende Autorin Radka Denemarková, Jahrgang 1968, öffnet in ihrem ersten Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ (im Original „Peníze od Hitlera“ – „Geld von Hitler“) die Schranktüren des tschechischen Selbstverständnisses und lässt die Skelette nur so rauspurzeln. Im Zentrum der Handlung: Gita, die Tochter des deutschen Großgrundbesitzers Lauschmann, der den Leuten im kleinen böhmischen Dorf Puklice Arbeit gab. Wir lernen das Mädchen Gita Lauschmannová im Jahr 1945 kennen, wie sie abgezehrt und halb tot aus dem Konzentrationslager nach Hause kommt und die Villa ihrer Eltern von ehemaligen Arbeitern ihres Vaters in Beschlag genommen vorfindet. Würde sich nicht die Schwester des Wortführers erbarmen und Gita im Schuppen, wo sie verstaut wird, heimlich durchfüttern, das Mädchen wäre in ihrem Elternhaus dem Tod geweiht, nachdem sie nur knapp dem Tod im KZ entronnen ist. So aber kommt sie zumindest ein wenig zu Kräften und kann sich ins nächste Sammellager für Deutsche flüchten.

60 Jahre später, im Sommer 2005, kehrt die betagte Frau Doktor Gita Lauschmannova, Pathologin aus Prag, zum zweiten Mal ins Dorf ihrer Kindheit zurück. Diesmal mit einem Anwalt, der ihren Forderungen Nachdruck verleihen soll. Gita will den Besitz ihrer Familie nicht zurück, sie will nur, dass ihrem Vater Gerechtigkeit widerfährt. Herr Lauschmann wurde als Jude im KZ vergast, bei den Leuten im Dorf, die den Besitz enteigneten, wurde der Deutsche aber automatisch als Nazi gehandelt und als Ausbeuter obendrein. Gita, die Tochter, möchte das ändern, sie möchte ein Museum und ein Denkmal für ihren Vater errichten lassen. Doch damit beißt sie bei den Dorfbewohnern auf Granit. „… am liebsten würde sie alle nur ausnehmen, jeden von uns, die wir seit eh und je mit ehrlicher Arbeit unseren Lebensunterhalt bestreiten“, sagt der Bürgermeister bei den Verhandlungen. „Nur, dazu müsste die Gnädigste zurechnungsfähig sein. Und das ist sie leider nicht, keine Chance! Ich hab hier nämlich was gefunden!“

Gleich wie die Dorfbewohner in Gitas traumatischer Vergangenheit stöbern, um ihre Unzurechnungsfähigkeit zu beweisen, wühlt Radka Denemarkova in ihrem Roman in den dunklen Wunden der tschechischen Geschichte. „Das Thema ist tabu in der tschechischen Gesellschaft“, erzählte die Autorin bei einer Lesung im Oktober in Graz. „In der Schule haben wir gehört, die Deutschen wären 1938 als Besatzer ins Land gekommen und seien 1945 wieder rausgeschmissen worden. Kein Wort von der jahrhundertelangen Nachbarschaft von Deutschen und Tschechen in Böhmen. Und auch jetzt spricht man nicht über die Vertreibung der Deutschen.“

Der Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ hat dementsprechend für Aufsehen und für Diskussionen in Tschechien gesorgt. Die Drastik, mit der Denemarkova beschreibt, wie grausam und niederträchtig Deutsche nach 1945 in Tschechien oft behandelt wurden, ist nichts für schwache Nerven. Sie kulminiert in einer Szene, in der Gita Lauschmannova schildert, wie sie in den frühen 50er-Jahren in Prag von drei jungen Männern in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt wird, und dem nicht genug, töten sie auch ihren Säugling auf bestialische Weise. Die Dorfbewohner aber sind von der Schilderung Gitas wenig beeindruckt. Sie finden es im Gegenteil verdächtig, dass sie in ihrem Leben mehrere schwere Schicksalsschläge auf sich zieht und – der Gipfel des Hohns – alle überlebt.
„Kinder sind das Symbol für das Leben“, legt die Autorin im Gespräch eine symbolhafte Deutung der erbarmungslosen Tötungsszene des Babys nahe, „wenn Kinder sterben, dann stirbt auch die Hoffnung“.

Der Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ lebt stilistisch von packendem Realismus, der immer wieder symbolisch gedeutet werden kann, ohne symbolschwanger zu wirken. So ist Denemarkovás Schauplatz Puklice, wo die Leute eine komplexe geschichtliche Wahrheit stur auf eine historische Schwarzweißaufnahme reduzieren – hier die bösen Nazi-Deutschen, dort die guten Tschechen – als Metapher für die tschechische Gesellschaft zu verstehen. Im Buch sind es letztlich nur Denis, der Sohn der Frau, die das Mädchen Gita 1945 vor dem Verhungern bewahrte, und seine altersschwache Mutter, die ein Einsehen haben und das Geschehene nicht durch Verdrängen aus der Welt schaffen wollen, sondern dem Zusammenleben durch Verstehen-Wollen eine neue Basis geben.

Dass Radka Denemarková für dieses vielschichtige, komplex erzählte Buch 2007 mit dem höchsten tschechischen Literaturpreis, dem Litera Magnesia, ausgezeichnet wurde, zeigt zumindest, dass in der tschechischen Öffentlichkeit die Zeit reif sein könnte für eine Neubewertung der historischen Ereignisse. Da können sich à la longue Politiker wie Václav Klaus noch so sehr gegen die Schranktüren der tschechischen Nachkriegsgeschichte stemmen.

Radka Denemarková: Ein herrlicher Flecken Erde. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Deutsche Verlags-Anstalt: München 2009. 294 Seiten

Rezension von Werner Schandor, erschienen am 21. 11. 2009 in der Wiener Zeitung