Ich bin Styrias next Rosegger Peter

Mit Peter Rosegger kann ich nichts anfangen. Er ist in der Steiermark allgegenwärtig. Ums Eck von meinem ersten Büro saß er steinern schräg gegenüber von der Grazer Oper und blickte den Opernring hinunter. Wenn ich in meiner obersteirischen Wahlheimat auf den Stoderzinken wandere, sitzt er ebenfalls in Stein gehauen schon oben und preist die Aussicht. Auch seine Waldheimat habe ich besucht, ohne irgendetwas dabei zu empfinden. Als geschichtliche Figur kommt man hierzulande nicht um ihn herum. Aber als Dichter? – Konnte ich auch nie viel mit ihm anfangen. Die Waldbauernbubentexte. Nett. Die Geschichte vom Fast-Nobelpreis – das ist wie Córdoba 1978. Zu oft erzählt und zu lange her. Insofern war es Ironie, dass mich Autorenkollege Martin G. Wanko 2012 einlud, mich an einer Rosegger-Anthologie zu beteiligen. Inklusive Schreibwoche in Krieglach. Ich sagte zu – allein um herauszufinden, warum mir Rosegger nichts gibt.

Im Mai 2013 fand ich mich dann in Krieglach ein. Es war eine regnerische Woche, und die Unterkunft war furchtbar. Wanko hatte uns Autorinnen und Autoren ein Domizil gesucht, das acht Wochen hindurch sonst niemand als Ferienwohnung mieten wollte. Das hätte ihm eigentlich zu denken geben können. Der Garten der alten, habsburggelb gestrichenen Jahrhundertwende-Villa wurde von einer Horde Katzen bevölkert, und wenn man auf dem Weg ins Haus der allgegenwärtigen Katzenkacke ausweichen wollte, lief man Gefahr, auf eine der unzähligen Nacktschnecken zu treten, die ihre Spur durchs Gras zogen. Linda Stift hat das in ihre Geschichte „Von Krieglach nach New York und zurück“ einfließen lassen. Und Willi Hengstler beschreibt in seinem Text „Das Rosegger-Desaster“ die heruntergekommene Villa mit ihren Holzstiegen und den feuchten Schlafzimmern im Souterrain, wo die Farbe von den Mauern abblätterte, recht anschaulich. Ich jedenfalls bekam allergische Anfälle, und als mir auf der Stiege drinnen eine Nacktschnecke entgegenkroch, fühlte ich mich wie in Karin Duves Regenroman. Zu allem Überfluss wurde ich krank und musste den Aufenthalt vorzeitig abbrechen. Ich fuhr über das Alpl nach Hause, touchierte am Oberlauf der Feistritz an der engsten Stelle der Straße beinahe einen entgegenkommenden Sattelschlepper. Hatte noch Glück.

Für das Buch habe ich dann ein Gespräch aufbereitet, das ich wenige Jahre vor seinem Tod mit meinem Vater geführt hatte. Auch er war ein Waldbauernbub – in der Bukowina. Aber anders als Rosegger, der in seinem Werk den Verlust der guten alten Zeit beschwor, ohne dass er echte geschichtliche Tragödien hätte miterleben müssen, wuchs mein Vater in den 1920er- und 30-Jahren in den Ruinen des Ersten Weltkriegs auf und opferte seine besten Jugendjahre im Zweiten Weltkrieg. Für eine Bande von Verbrechern, die mit Rosegger Propaganda machten. Natürlich: Kein Dichter kann beeinflussen, wer ihn nach seinem Tod vereinnahmt. Aber die Zeiten zwischen Rosegger und uns weisen derart viele Brüche auf, dass ein direkter Weg zurück unmöglich scheint. Das wollte ich mit meinem Text „Als mein Vater noch der Waldarbeiterbub war“ aufzeigen.

 

Martin G. Wanko (Hg.): Rosegger Reloaded. Edition Keiper 2013, 224 Seiten. Mit Texten von Andrea Sailer, Mike Markart, Linda Stift, Wilhelm Hengstler, Günter Eichberger, Valerie Fritsch, Werner Schandor, Martin G. Wanko