Urnenfriedhof

von Christoph D. Weiermair

November in Graz. Der abrupte Wintereinbruch überfordert eine ganze Stadt. Stau am Eggenberger Gürtel, Daunenjacke an Daunenjacke in der Bim, eine krächzende Stimme meldet „einen Zwischenfall in der Krenngasse“. Zwischenfall? Was immer das auch heißen sollte, ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht wurde Waltraud Klasnic von einer Dachlawine erwischt.

Neulich ging ich noch schlaftrunken quer über den Jakominiplatz. Immer wenn ich die Kapuze meiner Daunenjacke mit dem Kunstfell über den Kopf gezogen habe, bedeutet das doppelte Gefahr. Schlaftrunkenheit und Tunnelblick ohne Alkoholkonsum gleichsam. Ich sehe also im letzten Moment noch den nahenden Bus der Grazer Verkehrsbetriebe. Und schaue direkt dem Tod ins Gesicht: „Urnenfriedhof“ stand am Display über der Fahrerzelle. Ich bin noch nie mit dem Bus in Richtung „Urnenfriedhof“ gefahren. Ich hätte ehrlich gesagt auch nicht das beste Gefühl dabei. Da fahr ich lieber in Richtung „Maria Trost“, das ist fast wie ein Abendgebet. Oder in Richtung „Puntigam“, da weiß man dann, wo gemeinhin der Rausch seinen Ursprung nimmt.

Wenn wir schon beim Alkohol sind, dann gehen wir gleich über zu den Punschständen. Die ganze Grazer Innenstadt hat in der Vorweihnachtszeit (die beginnt im November), vom Advent ganz zu schweigen, eine Glühweinfahne. Am Hauptplatz, am Eisernen Tor, am Färberplatz, überall wird gebechert was das Zeug hält. Freilich mitunter auch für einen guten Zweck. Das nennt sich dann „Charity-Saufen“ und man hat ein besseres Gewissen, wenn von den zwei bis drei Euro für ein Häferl Glühweinkonzentrat mit heißem Wasser die Hälfte an „Brot für die Welt“ oder an „Vier Pfoten“ geht.

Politisch ist seit Ende Oktober die SPÖ am Ruder. Sie hatte die Erneuerung propagiert, was derzeit aber passiert, gleicht eher einer totalen Umfärbung. Errötung des Landesschulrats, des EStAG-Aufsichtsrats, des ORF-Landesstudios, der Fachhochschulen und so weiter. Aufregen tun sich bisher noch die wenigsten. Bis zu den nächsten Wahlen ist’s noch lange. Und Weihnachten naht. Alles ruht irgendwie. Unter der zarten Grazer Schneedecke.

Erstveröffentlicht im Magazin der „Literarischen Nahversorger“ der Gemeinde Schlierbach, OÖ, Dez. 2005.