Verloren im Park

Milena Michiko Flašar liefert in ihrem Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ Lebenseinsichten, die nie aufgesetzt wirken.

„Diese Erleichterung: Man muss keinen Beitrag mehr leisten. Endlich gesteht man sich ein, dass einem die Welt vollkommen gleichgültig ist.“ – Sätze wie diese ziehen sich durch Milena Michiko Flašars Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ und verleihen dem Buch etwas Schwereloses, Schwebendes. Man kann sich als Leser fragen: Wie schafft es die 32-jährige Wiener Autorin, quasi laufmeterweise Einsichten in die Psychologie ihrer Figuren und ins Leben an sich niederzuschreiben, ohne dabei jemals platt oder bemüht zu wirken? Vielleicht, weil sie ihre Sätze geschickt in eine einfache, doch fein gesponnene Geschichte verwebt. Vielleicht auch, weil Flašar – Tochter einer Japanerin und eines Österreichers – ihre Geschichte in Japan ansiedelt, wo man anscheinend, zumindest nach europäischem Verständnis, so rasch und ungezwungen bei den existenziellen Fragen anlangen kann, wie es sonst nur im Kunstkino erlaubt ist.

„Ich nannte ihn Krawatte“ schildert das Zusammentreffen zwei sehr unterschiedlicher Menschen: eines alten und eines jungen Mannes, die beide die Zeit in einem Park totschlagen. Der Junge, dessen Erzählstimme wir im Buch hören, ist ein Hikkomori. So werden in Japan die jungen Menschen genannt, die den Kontakt zu ihrer Umwelt (die Eltern eingeschlossen) abbrechen. Der Junge redet mit niemandem mehr, sperrt sich in seinem Zimmer ein, geht in der Nacht spazieren, um keinen zu treffen, und sitzt seine Tage auf einer Parbank ab. Der alte Mann ist ein „Salaryman“, der nach zig Arbeitsjahren von seiner Firma entlassen wurde, und der, weil er seiner Frau die Wahrheit nicht eingestehen will, seine „Arbeitstage“ im Park verbringt. Der Alte wird vom Jungen in Gedanken „Krawatte“ genannt. Milena Flašar erzählt auf behutsame Weise, wie die beiden sich einander annähern. Stück für Stück enthüllen sich ihre Lebensgeschichten, und vermutlich ist es die Fremdheit zwischen den beiden, die es ihnen ermöglicht, auch von ihren persönlichen, lebensentscheidenden Niederlagen zu berichten.

„Wer hätte ich werden können.
Wer war ich geworden.
Wer werde ich sein, wenn sie herausfindet, wer ich bin“, fragt sich der alte Mann und denkt an seine Frau.
Und der Junge erzählt: „Die Zähne zusammenbeißen und denken: Das ist Erwachsenwerden. Die Dinge, so wie sie sind, zu überstehen und sie selbst dann, wenn man sich nicht von ihnen erholt, für überstanden zu halten. Zu vergessen. Auch das. Wieder und wieder zu vergessen.“

Doch das Vergessenwollen schlechter Erfahrungen, das Gegen-sich-selbst-Ankämpfen – das ist die Lehre aus diesem Buch – führt einen eher früher als später in die völlige Erstarrung. Und die löst sich erst, wenn man die richtigen Worte für die belastenden Ereignisse findet. Dass es so berührende Worte sind wie in diesem anspielungsreichen und subtilen Buch, ist ein literarischer Glücksfall.
Milena Flašar hat in Wien und Berlin Sprachen und Literatur studiert und mit „[ich bin]“ (2008) und „Osaaka“ (2010) bereits zwei vielbeachtete Talentproben vorgelegt. In „Ich nannte ihn Krawatte“ hat sie einen poetisch-lakonischen Ton getroffen, der Kritik und Leserschaft gleichermaßen begeistert.

Werner Schandor

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte. Roman. Verlag Klaus Wagenbach: Berlin 2012. 140 Seiten.

Diese Besprechung erschien am 28. April 2012 im „extra“ der Wiener Zeitung.

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