Wider die perversen Arbeitszustände

Johannes Gelich hat als Prosaautor mit zwei bemerkenswerten Büchern auf sich aufmerksam gemacht: Die Novelle „Die Spur des Bibliothekars“ (2003) entführt ins Rumänien der Gegenwart, wo der Bibliothekar eines österreichischen Kulturinstituts in Iaşi widerwillig einen Kriminalfall zu lösen hat. Die Novelle überzeugte durch ihren schwebenden Ton, den Gelich auch in „Chlor“, dem heuer im Frühjahr erschienenen Romanerstling, wieder anschlägt und ihn mit pikaresken Motiven verknüpft. Das Buch erzählt von einem jungen Mann namens Hans, dem der Job gekündigt wurde, und der beschließt, seine Tage fortan im Wiener Stadthallenbad zu vertranscheln. Johannes Gelich beschreibt raffiniert und mit leisem Witz Hans’ Transformation von Otto Normalbürger zu einem weltabgewandten, quasi-mythischen Wasserwesen.

Zwischen den beiden Büchern gab der 1969 in Salzburg geborene, in Wien lebende Autor die deutschsprachig-rumänische Anthologie „Stromabwärts“ heraus, die österreichische Gegenwartsprosa für rumänische Leser zugänglich macht. Werner Schandor befragte Johann Gelich zu Themen und Motiven aus seinem Roman und zur Einschätzung österreichischer Literatur aus rumänischer Perspektive.

Die Hauptfiguren Ihrer beiden längeren Prosatexte sind auf Ihre Art Leistungsverweigerer: Servaes in der „Spur des Bibliothekars“ lässt sich nach Rumänien versetzen, weil es ihm in Österreich zu stressig wird. Hans in „Chlor“ verliert seinen Job und verbringt seine Tage fortan im Hallenbad. Darf man das gesellschaftskritisch verstehen?
Johannes Gelich: Die sogenannte „Hochleistungsgesellschaft“ ist eine beleidigende Schimäre, denn es sollte sich schon langsam herumgesprochen haben, dass Leistung immer weniger einbringt. Ich kenne genug Leute, die 70 Stunden in der Woche arbeiten und karrieremäßig nicht von der Stelle kommen.
Die parasitäre Verweigerung gegenüber diesem System, das Tachinieren, erscheint mir als die einzige Möglichkeit, auch eine Umkehrung in moralischem Sinne zu erzwingen, Lust aus der sogenannten unmoralischen Haltung der Leistungsverweigerung zu gewinnen und die moralische Empörung wieder den Tätern und nicht den Opfern aufzunötigen.

Die „Spur des Bibliothekars“ verliert sich im Donaudelta in Rumänien, Hans aus „Chlor“ lebt im Wiener Schwimmbad. Welchen Bezug haben Sie zum Wasser als Element und als Motiv?
Gelich: Das Wassermotiv zieht mich immer wieder an. Warum, kann ich nicht so genau erklären, ich kann nur sagen, es steckt keine bewusste Absicht dahinter. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Jugendlicher die Sommerferien immer am Meer verbrachte, und das Wasser oder die Betrachtung des Wassers einen eskapistischen Reiz gegenüber der familiären Ferienmonotonie ausübte.

Der Held Hans realisiert zwar das Unbefriedigende am Durchschnittleben, er hat aber keinerlei politisches Bewusstsein in dem Sinn, dass er an eine Änderung auch nur denken würde. Wie ist diese Selbstbezüglichkeit der Hauptfigur zu verstehen?
Meine Haltung gegenüber Hans ist sehr ambivalent bis ablehnend; seine Ohnmacht und auch die Hinnahme dieser Ohnmacht könnten nicht größer sein. Für seine private Ohnmacht ist er selber verantwortlich, aber für die gesellschafts- und weltpolitische natürlich nicht. Wenn man mit Erfolg eher gegen den Winter als gegen den Krieg demonstrieren zu können glaubt, dann ist das schon sehr schlimm. Ich glaube, Hans repräsentiert in diesem Sinne auch ein gegenwärtiges, kollektives Ohnmachtsempfinden. Es ist ein Roman einer Inkubationszeit in einem Inkubationsraum. Aber alles in allem ist er ein egoistischer, unpolitischer Drecksack, wie die meisten von uns, mich eingeschlossen.

Am Schluss von „Chlor“ löst sich die Spannung in seltsamer Leichtigkeit auf. Der Held bescheidet sich mit dem, was das Schwimmbad ihm bietet. Auch seine Frau kehrt zu ihm zurück. Inwiefern ist dieser Schluss, wie Sie meinten, „subversiv“ zu verstehen?
Seltsame Leichtigkeit wäre eine schöne Konstellation. Ich finde nicht, dass Vivien zu ihm zurückkehrt. Einerseits ist der Schluss lesbar als Vorstellung von Hans, andererseits zieht er sie gewissermaßen dorthin, nach unten ins Wasser. Seltsam, ja. Utopisch, optimistisch ist der Schluss, indem er ein Ende dieser perversen Arbeitszustände phantasiert, um privates Glück überhaupt erst wieder denkbar erscheinen zu lassen; pessimistisch, indem offensichtlich alles den Bach hinuntergegangen sein muss, damit eben dieses Glück erst wieder denkbar ist; ich fand es jedenfalls sehr spannend, dass viele männliche Leser den Schluss fast aggressiv ablehnten; die fänden es vielleicht männlicher, wenn Hans Vivien am Ende zerstückelt und in Nylonsäckchen verpackt und im Bad ausstreut oder einem ausgesetzten Hai zum Fraß vorwirft. Das wäre sehr einfach gewesen. Ich finde, heute nicht der Hysterie des Weltuntergangs zu verfallen, subversiver, mutiger, wenn auch vielleicht naiver.

Mögen Sie den Geruch von Chlor?
Eigentlich ja. Ich mag vor allem das Geruchselement in „Chlor“, und dass sich am Ende der durchwegs negativ besetzte Geruch von Chlor zu einem Art Parfüm, einem aphrodisierenden Geruch für Hans entwickelt; die Verwandlung eines negativ erlebten Sinneseindrucks in einen positiven; sich die Welt in eine positiv erlebbare umzuverwandeln, ist auch der Sinn des Mythos, der Kunst, der Ästhetik.

Sie haben 2005 eine Anthologie im Wieser-Verlag herausgegeben: „Stromabwärts“ versammelt die Texte von 14 Autorinnen und Autoren Ihrer Generation und macht sie in der rumänischen Übersetzung auch für das rumänische Publikum zugänglich. Die Autorenliste reicht von Stephan Alfare über Xaver Bayer und Kathrin Röggla bis Linda Stift und umfasst auch einige weniger bekannte Namen. Formiert sich da so etwas wie eine neue „junge österreichische Literatur“?
Ich wollte als Herausgeber jüngere Autoren berücksichtigen. Ich kann mir nicht anmaßen, die jüngsten zu kennen, das Projekt lief eben neben Brotberuf und eigener literarischer Produktion. Da hat man nicht die Zeit, aus hunderten von Texten auszuwählen; trotzdem sind viele sehr junge Autoren mit von der Partie, zum Teil auch mit Originalbeiträgen. Ich wollte damit auch zeigen, dass es sehr viele Autoren gibt, die nicht im Literaturbetrieb verankert sind, die trotzdem schreiben können und sehr gute und innovative Schreibansätze zeigen. Neue Formationen unter den jungen österreichischen Autoren sehe ich allerdings keine. Ich hoffe nur, dass es zu Einladungen kommt, etwa nächstes Jahr, wenn Hermannstadt Kulturhauptstadt Europas ist, damit es zu einem Austausch zwischen den Autoren Österreichs und Rumäniens kommen kann. Leider verfüge ich aber nicht über die nötigen institutionellen Kontakte.

Sie waren zwei Jahre lang Hochschullektor in Rumänien und haben dort zahlreiche Kontakte zu rumänischen Autoren geknüpft. Wie wird die österreichische Literatur in Rumänien gesehen?
Man sieht vor allem das k.u.k.-Erbe: Musil ist ziemlich präsent, dann Canetti, der Nicht-Österreicher Kafka. Vor zehn Jahren erschien in Iaşi die bislang letzte Anthologie mit österreichischen Autoren bzw. Autorinnen: Bachmann, Frischmuth, Aichinger, Schweiger. Vor fast 40 Jahren war in Bukarest eine zweibändige Anthologie mit dem literarischen Kanon der österreichischen Moderne herausgekommen. Ovidiu Nimigean, der Mitherausgeber der Anthologie „Stromabwärts“, beklagt vor allem aus der Kenntnis von Literaten wie Altenberg, Kraus oder Nestroy an den von mir gesammelten Texten einen Verlust an Frivolität, Offenherzigkeit und Lebendigkeit; er diagnostiziert viel Neurose, Frust; positiv wird der bohemehafte Aufbruch von Autorinnen wie Miriam Henisch und Rosemarie Poiarkov gesehen, die über Sex, Drugs und Rock’n’Roll schreiben. Das sagt wiederum sehr viel über das 68er-Nachholbedürfnis in Rumänien aus, das aber auch schon langsam abflacht. Ansonsten kommt die Anthologie in ihrer Bandbreite der Schreibansätze gut an. Eines fällt mir noch ein: Ein Autor aus Iaşi meinte, die Anthologie gefalle ihm gut, was ihn nur störe, sei die „linke Attitüde“ vieler Autoren; das sei im heutigen Rumänien passé, und wenn die Autoren hier veröffentlichen wollten, müssten sie ihre linken Ansichten aus den Texten raushalten. In Rumänien heißt links eben maroder Sozialismus, Korruption, Vetternwirtschaft, Unterstützung unrentabler Staatsbetriebe, Autoritätsgläubigkeit usw. Dieser Autor ist weder ein Dummkopf noch ein Rechtsradikaler, er geht nur von anderen Voraussetzungen aus.

Wie beurteilen Sie selbst die gegenwärtige österreichische Literatur? Was funktioniert? Was fehlt?
Die Erfolge von Thomas Stangl, Daniel Kehlmann und Arno Geiger zeigen das Potential der Autoren, und dass die österreichische Literatur sich globaleren Inhalten zuwendet. Die Autoren sind da. Problematisch finde ich einerseits die politische Sanftmütigkeit – und da kritisiere ich als allerersten mich selber! –, aber vielleicht brauchte es nach dem Stereo-Geschützdonner von Bernhard und Jelinek ein paar Jährchen beschaulicher Erholung. Zum anderen finde ich die sich ausdünnende Verlagslandschaft zum Teil erschreckend: Nach den Verkäufen von Zsolnay und Deuticke an Hanser gibt es in der sogenannten Weltstadt Wien keinen nennenswerten, auch vom deutschen Buchmarkt kontinuierlich wahrgenommenen österreichischen Literaturverlag mehr. Pioniere wie der ambitionierte Luftschacht-Verlag bilden da eher eine Ausnahme. Andererseits haben manche Verleger den Zug der Zeit verschlafen und agieren mit großer Wurstigkeit in Sachen Pressearbeit, Internet-Performance, Autorenpflege, Tantiemenabrechnung etc.. Ich meine, man muss um die Bücher kämpfen, wir müssen alle kämpfen ums Überleben.

Die Bücher von Johannes Gelich:

Chlor. Roman. Literaturverlag Droschl: Graz 2006. 214 Seiten

Die Spur des Bibliothekars. Novelle. Otto Müller Verlag 2003. 215 Seiten

Stromabwärts / Pe Fluviu în Jos. Österreichische Gegenwartsprosa. Zweisprachige Anthologie in deutscher und rumänischer Sprache. Hg. von Johannes Gelich und Ovidiu Nimigean. Wieser Verlag: Klagenfurt 2005. 426 Seiten. (Die Autoren von „Stromabwärts“ sind: Stephan Alfare, Martin Amanshauser, Xaver Bayer, Clemens Berger, Miriam Henisch, Reinhard Kretzl, Peter Landerl, Melamar, Petra Nagenkögel, Bernhard Ostertag, Rosemarie Poiarkov, Kathrin Röggla, Thomas Stangl, Linda Stift.)

Das Interview erschien am 10. Juni 2006 unter dem Titel „Um Bücher kämpfen!“ im EXTRA der Wiener Zeitung