Wir reden übers Briefeschreiben …

… während Bill Gates in meinem Arbeitszimmer an meinem Drittcomputer verzweifelt.

Neulich lag in meinem Briefkasten ein Brief, der weder von der Bank noch von der Versicherung noch von sonst jemandem stammte, der mir etwas andrehen oder abknöpfen wollte. Der Brief war handschriftlich an mich adressiert und trug eine echte Briefmarke, also keins von diesen hässlichen Portopickerln. Ich öffnete das Kuvert und zog eine gefaltete Karte heraus. Auch auf dieser zeigte sich eine schön geschwungene Handschrift: schwarze Tinte auf weißem Papier, eine schmale, dynamische, leicht nach rechts geneigte Schrift mit ausgeprägten Ober- und Unterlängen. Ich war fast gerührt ob des Anblicks, der mich an jene mythischen alten Zeiten erinnerte, da man seine Artikel und Texte auf der Schreibmaschine tippte und seine Briefe mit der Füllfeder schrieb. Zumindest war es im Hochmittelalter – also um 1990 – bei uns noch so üblich: Fließend Wasser, Strom und kabelgebundene Telefone gab es schon, aber die private Korrespondenz erledigte man noch wie im 19. Jahrhundert.

Der Brief stammte von einer Schriftstellerkollegin, die ich eingeladen hatte, sich mit einem Text an einem Internetprojekt zu beteiligen. Im Grunde eine paradoxe Sache, denn was ich nicht wusste: Die Kollegin hat gar keinen Computer. Das Internet scheint sie nicht zu interessieren, von dessen Auswüchsen wie E-Mail oder Facebook ganz zu schweigen. Und, nein: Sie ist nicht 105 Jahre alt, sondern ungefähr mein Jahrgang, also gewissermaßen eben erst erwachsen geworden.

Warum sich die Kollegin der modernen Computertechnik verweigert, kann ich nicht sagen. Aber es gibt Tage, da beneide ich sie um ihre Entscheidung. Besonders heute, wo ich mehrere Stunden damit verplempert habe, die Filme aus meiner sogenannten High-Definition-Videokamera auch auf meinem Drittcomputer zum Laufen zu bringen, um damit unvergessliche Familienerlebnisse vom Ostereiersuchen für immer am Leben zu erhalten – oder zumindest für die Lebensdauer der Computerfestplatte … Um genau zu sein: Die Videos liefen, bloß Ton war keiner zu hören, und das lag nicht abgeschalteten Lautsprechern oder sonstigen Fehlleistungen meinerseits. Sondern an etwas, das, wie ich herausfand, Codec heißt, und das der Computer braucht, um Videos mit Ton abspielen zu können. Zumindest theoretisch. Denn auch die Installation eines der Codecpakete, die mit dem Videoformat meiner Kamera harmonieren sollten, brachte keine Abhilfe. Der Film blieb stumm.

Kurz und gut: Es war wieder eine jener nervtötenden Situationen, bei der ich gerne Bill Gates und die Entwicklungschefs der Computer- und Softwarefirmen zu mir ins Arbeitszimmer zitiert hätte, damit sie sich live ansehen können, wie furchtbar ihre Geräte und Programme in der Praxis versagen. Und während sich die Computerfuzzis an meiner Stelle das Gehirn zermartert und das Graffel schließlich aus dem Fenster getreten hätten, hätte ich mich mit der Schriftstellerkollegin auf einen Kaffee getroffen, und wir würden uns ganz entspannt über die untergegangene Kunst des Briefeschreibens unterhalten.

Andrea Sailer gewidmet

Erschienen am 27. Mai 2012 in der Graz-Beilage „G7“ der „Kleinen Zeitung“