Wer sich in der oft hitzig geführten Debatte um die Gendersprache nach einer sachlichen, wissenschaftlich fundierten Orientierung sehnt, wird bei Jan Schneiders „Das missbrauchte Geschlecht“ fündig.
Jan Schneiders „Das missbrauchte Geschlecht“ gehört zu den besten Büchern, die für eine kritische Auseinandersetzung mit der Gendersprache zur Verfügung stehen – gemeinsam mit Fabian Payrs „Von Menschen und Mensch*innen“ sowie dem Sammelband „Die Teufelin steckt im Detail“ von André Meinunger und Antje Baumann.
Schneider beginnt mit einer Bestandsaufnahme der Motive von Befürwortern und Gegnern des Genderns. Die Bandbreite reicht von Verfechterinnen, die von der Ungerechtigkeit der konventionellen Sprache überzeugt sind, bis hin zu Mitläufern, die moralische Bonuspunkte sammeln wollen. Auch die Seite der Gegner ist buntscheckig. Hier gibt es diffamierende Typen, aber auch schlicht Verunsicherte und schließlich eine recht große, gemischte Gruppe an philologisch und linguistisch geschulten Skeptikern, die Gendersprache einer sachlichen Kritik unterziehen. Die einflussreichste Stimme im Chor der Skeptiker hat der Rat für deutsche Rechtschreibung, der die Amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung festlegt.
Jan Schneider beleuchtet die Argumente der sachlich informierten Befürworter und Gegner – geht dabei aber entscheidende Schritte über die übliche Sprachbetrachtung hinaus. Als empirisch versierter Forscher weist er zum Beispiel auf die gravierenden methodischen Schwächen jener psychologischen Studien hin, die immer wieder als Belege für die Nützlichkeit des Genderns herangezogen werden. Wo diese Studien einen „Male Bias“ – eine männliche Voreingenommenheit der Sprache – diagnostizieren, die durch Gendern auszumerzen sei, sieht Schneider vor allem einen „Confirmation Bias“ am Werk: die Tendenz, das Studiendesign so anzulegen, dass die gewünschten Ergebnisse zuverlässig herauskommen.
Seine Befunde trägt Schneider in neun Kapiteln nüchtern, sachlich und ohne jede Polemik vor. Sein analytischer Blick verbindet empirisches Methodenwissen mit einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Linguistik und Sprachphilosophie.
Wie eine Minderheit eine Sprache umkrempelt
An mehreren Stellen blickt Schneider über den Tellerrand der Philologie und befasst sich mit grundlegenden Fragen, zum Beispiel ob die soziale Wirklichkeit tatsächlich ein von Sprache gestaltetes Konstrukt ist. Dabei beruft er sich auf den Gehirnforscher Gerhard Roth, der in seinen Studien zum Ergebnis kommt, dass unser Denken sehr stark biologisch geprägt ist. Bis zu 80 % unserer Hirnstruktur sind demnach genetisch bzw. prä- und postnatal geprägt, nur etwa 20 % von späteren Einflüssen abhängig. Fazit: „Die Einflussnahme der Umwelt ist überraschend gering und zeitlich weitgehend auf das Kindesalter beschränkt.“ – Das ist ein nicht unwesentlicher Hinweis. Denn die Verfechter der politischen Korrektheit, zu denen auch die Genderproponenten zählen, gehen in ungleich stärkerem Ausmaß davon aus, dass das Denken und damit die Wahrnehmung und die Wirklichkeit hauptsächlich durch Sprache „gemacht“ werden. Neurobiologisch betrachtet, liegen sie jedoch falsch.
Eines der spannendsten Kapitel von Schneiders Buches widmet sich der Frage, wie sich die Gendersprache auf Websites und in amtlichen Schriftstücken derart ausbreiten konnte, obwohl sie nur von einer Minderheit von etwa 15 Prozent der Bevölkerung aktiv befürwortet wird. In einem „Exkurs über die Selbstorganisation in komplexen Systemen“ erklärt der promovierte Techniker, wie vergleichsweise kleine Interventionen das Verhalten ganzer Systeme ändern können. Als Anschauungsbeispiel dient eine breite Treppe im öffentlichen Raum: In Deutschland stellt sich dort mit der Zeit Rechtsverkehr ein, in England eher Linksverkehr – doch wenn eine größere Gruppe Engländer für ein Fußballspiel nach Deutschland kommt, kann sie durch ihr abweichendes Verhalten einen „Phasenwechsel“ auslösen und das gewohnte Muster temporär umkehren. Dieses Prinzip, so Schneiders These, erklärt, warum die Gendersprache in vielen Schriftstücken dominiert, obwohl sie im Alltag kaum gewählt wird. Die Beeinflussung des offenen Systems Sprache wird von Gleichstellungsbeauftragten mit ihren sprachlichen „Empfehlungen“ gezielt betrieben.
Vom Befürworter zum Kritiker
Besonders glaubwürdig macht den Autor sein eigener Werdegang: Als Hochschulangehöriger war Schneider lange Zeit grundsätzlich pro Gendern eingestellt. Seine Meinung änderte sich jedoch schrittweise – als er erkannte, dass die vorgebrachten linguistischen Argumente einer eingehenden Prüfung nicht standhalten; als er die Meinung von Frauen kennenlernte, die Gendern sexistisch finden; als er feststellte, dass auch die jüngere Generation diesem Sprachgebrauch mehrheitlich wenig abgewinnen kann. Hinzu kam die Erfahrung, dass Kritik mit moralischen Scheinargumenten kleingehalten wird, und die Einsicht, dass Sprache „für einen Geschlechterkampf instrumentalisiert wird“. Nicht zuletzt erkannte er die handfesten beruflichen Konsequenzen, die an den Hochschulen denjenigen drohen, die sich nicht fügen: Forschungsanträge, die nicht in Gendersprache abgefasst sind, werden schlicht nicht bewilligt. „Am Ende ist niemandem in diesem Umfeld die Sprachdebatte so wichtig wie die Finanzierung der eigenen Forschungsprojekte“, erklärt Schneider lapidar.
Intellektuelle Redlichkeit
Auffällig und charakteristisch für die eingangs genannten genderkritischen Bücher ist die intellektuelle Redlichkeit, mit der die Autoren vorgehen. Schneider ist hier keine Ausnahme. Während Befürworter des Genderns kritische Stimmen oft pauschal als „patriarchal“ oder „reaktionär“ abtun und damit auf Ad-hominem-Argumente ausweichen, nehmen die Skeptiker die Pro-Argumente in der Regel sehr viel gründlicher und sachorientierter unter die Lupe, als es umgekehrt geschieht.
Schneider gesteht trotz aller Genderskepsis ein, dass sich nicht alle Einwände gegen das Gendern entkräften lassen. Verlässliche Studien zeigen: Bei Personenbezeichnungen im Plural löst das Artikelwort „die“ überwiegend eine generische, also geschlechtsneutrale Lesart aus: „Die Leser werden dem überwiegend zustimmen.“ In der Einzahl hingegen – etwa bei der allgemein gemeinten Phrase „Der Leser wird dem zustimmen“ – denken viele Menschen zuerst an eine männliche Person. Diesen Befund wischt Schneider nicht vom Tisch.
Gendern mit Maß und Ziel
Daher schließt das Buch im neunten Kapitel mit einem eigenen Genderleitfaden – einem Vorschlag für ein „sanftes Gendern“, das auf neutralisierenden Kontext und geschlechtsneutrales Verständnis des generischen Maskulinums vertraut, aber dort, wo das Maskulinum die Allgemeinbedeutung nicht stark stützt (im Singular etwa), nach ausgewogenen Formen sucht.
Schneider orientiert sich dabei nicht an starren Techniken, sondern am Ziel, „empathisch und zielgerichtet zu formulieren.“ Während Genderratgeber das Sprachkind meist mit dem Bade ausschütten und für metaphorischen oder übertragenen Sprachgebrauch keinen Platz lassen, plädiert Schneider für Maß und Augenmaß. „Selbst wenn noble Ziele dafür sprechen würden, nicht ‚Querdenker‘, sondern ‚Querdenkende‘ zu sagen“, schreibt er, „sollten wir zumindest kurz innehalten und abwägen, was uns an sprachlicher Differenzierungs- und Ausdrucksmöglichkeit verlorengeht.“
Fazit
Ein kluges, umfassend informiertes und ausgesprochen lesenswertes Buch – gerade weil sein Autor weiß, wovon er spricht, und bereit war, die eigene Überzeugung zu überdenken.
Jan Schneider: Das missbrauchte Geschlecht. Gendern … geht das auch sensibel? Weltbuch, Sargans (CH) 2025

