Seit einigen Wochen poppen in meinem LinkedIn-Stream laufend Beiträge von Leuten auf, die ihrer Abneigung gegen KI-generierte Texte Ausdruck verleihen. Garniert sind diese Unmutsbekundungen meist mit einer Liste von vermeintlichen Erkennungsmerkmalen von KI-Texten. So geriet zum Beispiel sehr früh der Gedankenstrich unter Generalverdacht – obwohl bereits Sprachnestor Wolf Schneider in seinen zahlreichen Büchern den damit angehängten Nebensatz als Distinktionsmerkmal guten Stils adelte.
Ergo: Der Gedankenstrich als KI-Merkmal ist nah dran – aber doch daneben!
Auch bewährte rhetorische Formen nach Schema „Nicht wegen X, sondern wegen Y“ werden verdächtigt, von ChatGPT & Co. in Texte gestreut zu werden. Das mag so sein. rdkönnte aber auch als Ausdruck dialektischen Denkens durchgehen.
Aus eigener Beobachtung kann ich folgende potenzielle KI-Textmerkmale beisteuern: Aufzählungsstil, kurze Sätze, einfache Sprache (merke: nicht zu verwechseln mit „leichter“ Sprache) werden von gut trainierten Sprachprogrammen als optimal lesbar ins Unendliche vervielfältigt.
Ja, das alles mögen Kennzeichen von KI-generierten oder -bearbeiteten Texten sein. Aber: Es könnte bei derart gestalteten Sätzen auch sein, dass sich jemand bemüht hat, besonders leserfreundlich zu schreiben. Oder den Hang zu überlangen, verschachtelten Sätzen absichtlich bändigt. – Unwahrscheinlich, ich weiß. Aber ich will dennoch vom Guten ausgehen.
In Wahrheit ist es viel, viel einfacher!
KI-generierte Texte lassen sich anhand eines einzigen Merkmals für den geübten Leser auf den ersten Blick erkennen – vorausgesetzt, man gehört zu den Wenigen, die diese Kunst noch auf Punkt und Komma beherrschen:
Die Rede ist von der Beistrichsetzung.
Das Auffälligste für mich und die kleine Gemeinde derer, die ihr Brot mit Korrektoraten und Lektoraten verdienen, ist nämlich der Umstand, dass KI-Texte de facto fehlerfrei sind, was die Rechtschreibung betrifft. Und zwar absolut, will heißen: auf Beistrich und Bindestrich.
Als ich 2002 am FH-Studiengang „Journalismus“ zu unterrichten begann, beherrschten ca. 45 % der Studenten die Rechtschreibung perfekt. Als ich 2022 den Lehrauftrag abgab, lag der Anteil der absolut Rechtschreibkundigen bei 2,2 %. Oder in absoluten Zahlen: Eine einzige Studentin von 45 gab bis ins Letzte fehlerfreie Arbeiten ab.
Die weitaus häufigsten Fehler in den Studententexten waren:
- Das einst so genannten „Deppen Leerzeichen“ – also die fehlende Verbindung zwischen Wörtern, die eine Zusammensetzung bilden, z. B. Social-Media-Kanal, Online-Marketing, Deppenleerzeichen etc.
- Fehlende oder falsch gesetzte Beistriche.
Denn die meisten Leute setzen Beistriche nach Gefühl. Oder markieren damit Sprechpausen. Oder orientieren sich an Schlüsselwörtern und Faustregeln. Die wenigsten checken, dass Kommas syntaktische Einheiten strukturieren. Dabei ist das Wissen darob nicht übermäßig komplex: Die korrekte Kommasetzung wird im „Amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung“ in gerade mal vier Paragraphen auf 21 locker gesetzten Seiten ausführlich abgehandelt. Man sollte denken, das wäre leicht zu lernen – aber Irrtum!
Todsicheres Erkennungsmerkmal
Ein todsicheres Erkennungsmerkmal für einen menschengemachten Text ist der fehlende Beistrich, wenn nach einem eingeschobenen Nebensatz ein Hauptsatz mit „und“ angehängt wird: 97 % der Leute meinen, vor einem „und“ könne kein Beistrich stehen und setzen hier auch keinen. Dabei ist das Komma in diesem Fall obligat, weil der Relativsatz („… meinen, vor einem und könne kein Beistrich stehen, und…“) dadurch abgeschlossen wird. § 73 der Amtlichen Regelung besagt: „Das Komma zeigt Nebensätze an.“ In der Erläuterung E1 heißt es weiters: „Ist ein finiter oder
infiniter Nebensatz eingeschoben, steht links und rechts ein Komma.“
Die KI bessert diesen Fehler aus. Oder macht ihn erst gar nicht. Sie macht dafür andere: Sie halluziniert, sie behauptet Unsinn und ist weitgehend humorlos. Aber Kommasetzung kann sie.
Was heißt das nun für die KI-Textjäger? – Ganz einfach: Ihr denkt viel zu kompliziert! Vermutlich, weil ihr die Kommaregeln ebenfalls nicht kennt.
Und was bedeutet es für alle, die ihre Texte mit dem Biogütesiegel organischer Intelligenz versehen wollen?
Mein Rat: Schreibt frei nach Schnauze und streut in eure Ausführungen und Ergüsse feine, subtile Reviermarken des Unperfekten ein. Falsche Beistriche, zum Beispiel.
Das wirkt gleich, viel menschlicher.
Hier geht es einmal mehr zum Amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung. Die Kommasetzung wird auf den Seiten 113 bis 134 abgehandelt.

