Architektur lockt neue Gäste an

„Als Winzer machst du 25 bis 30 Weinjahrgänge in deinem Leben, aber Haus baust du nur eines, höchstens zwei. Daher ist es wichtig, dass man sich dazu einen Profi holt“, ist Weinbauer Hans Dreisiebner von der Weinidylle Dreisiebner in Sulztal überzeugt. Der Familienbetrieb an der Südsteirischen Weinstraße bietet seit den frühen 1970er-Jahren Gästezimmer für Weinfreunde an. Vor zehn Jahren wurde der Betrieb mit Hilfe eines Architekten umgebaut. Seither kommt jüngeres, zahlungskräftiges Publikum.

2006 übernahmen Hans Dreisiebner und seine Schwester Susanne den Hof der Eltern samt Buschenschank und Gästehaus. Mit dem Generationenwechsel kam der Wunsch nach Ausbau und Modernisierung des Betriebs, und wie üblich in der Gegend lieferte die Baufirma, mit der man im Gespräch war, auch gleich den Plan.

Der Zufall wollte es, dass der Passauer Architekt Albert Köberl zu diesem Zeitpunkt Urlaub bei den Dreisiebnern machte. „Er hat gesagt: ‘Lass mich den Plan mal anschauen‘ und dabei auf Anhieb viele Sachen gesehen, die einfach besser gehen“, erinnert sich Hans Dreisiebner. „Das hat mich überzeugt, und als er angeboten hat, selbst einen Entwurf zu machen, habe ich zugestimmt.“

Das Ergebnis kann man seit 2007 erleben, wenn man den Buschenschank im ehemaligen Wirtschaftsgebäude der Weinidylle besucht oder sich ein Zimmer im ersten Stock nimmt: Hinter einer strichcodeartigen Holzfassade befindet sich das Foyer vom Buchschenschank mit seiner in den Raum ragenden Weinbar. Von dort geht es weiter in den Gastraum, der freie Sicht in die Landschaft bietet. Holz, Stein und unbehandelter Stahl sind die dominierenden Oberflächenmaterialien. In den epoxidharzbeschichteten Estrich wurden Weinblätter eingelassen, die an Fossilien erinnern. Auch energietechnisch wurde das Gebäude auf den neuesten Stand gebracht und in Niedrigenergiebauweise mit Solarnutzung ausgeführt. „Durch die ortstypischen Baumerkmale –schmale Baukörperproportionen, steiles Satteldach, massiver Sockelbau und hölzernes Obergeschoß – fügt sich der Bau harmonisch in die umgebende Hügellandschaft“, beschreibt Architekt Alfred Köberl das Gebäude. Der Umbau wurde 2008 mit der „GerambRose“ für qualitätsvolle Baukultur ausgezeichnet.

„Sehr interessant finde ich,  dass sich die Altersstruktur extrem gewandelt hat, seit wir das neue Haus haben, “, erzählt Hans Dreisiebner. „Das Durchschnittsalter der Gäste ist gleich einmal um 15 Jahre gesunken. Und das hat unserem Betrieb sehr gut getan.“

Die Weinidylle Dreisiebner ist ein für die Gegend typischer Landwirtschaftsbetrieb: Der im Weingarten erzeugte Wein dient rein für Ausschank, Eigenbedarf und Ab-Hof-Verkauf; zu den zweieinhalb Hektar Weinbaufläche kommen acht Gästezimmer und ein Gästehaus sowie der Buschenschank. Im Bezirk Leibnitz gibt es rund 200 bäuerliche Betriebe, die Gästezimmer vermieten. Außer dem Loisium in Ehrenhausen und dem Hotel Schloss Seggau gibt es keine größeren Beherbergungsbetriebe in der Region. Trotzdem sind die Nächtigungszahlen im südsteirischen Weinland in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen: von rund 240.000 im Jahr 1995 auf 290.000 im Jahr 2015. Fast zwei Drittel der Gäste sind Österreicher. Diese Relation gilt auch für die Weinidylle Dreisiebner, die rund 2.000 bis 2.500 Gäste pro Jahr beherbergt, wobei die Saison in der Südsteiermark von Ostern bis November geht.

Was die Gäste der Weinidylle schätzen ist – neben der südsteirischen Landschaft, den freundlichen Leuten und dem guten Essen – einerseits der familiäre Betrieb, der einen Gutteil der angebotenen Getränke und Speisen am Hof erzeugt. Und andererseits auch die Architektur. 2014 wurde das ebenfalls von Alfred Köberl geplante neue Weingartenhaus als Gästehaus eröffnet. Es steht etwas unterhalb des Buschenschanks mitten im Weingarten, der direkt an Slowenien grenzt.  Der kleine Kubus aus Lärchenholz und Sichtbeton, an dessen Fassade als Dekor alte Rebstöcke angebracht wurden, ist innen edel ausgestattet und bietet den Gästen viel Komfort, darunter eine südostseitige Frühstücksterrasse, einen Outdoor-Whirlpool und Sichtkaminofen. Das Haus in der Preislage eines gehobenen 4-Stern-Hotels ist weit im Vorhinein ausgebucht und kommt besonders bei Unter-Dreißigjährigen sehr gut an.

„Zuerst haben viele gesagt: Ja spinnst du; für was brauchst du einen Architekten? Jetzt haben die anderen gesehen, dass es etwas bringt, und man merkt, dass auch andere Weinbauern sich Profis bei der Planung holen“, sagt Hans Dreisiebner. Für den Winzer ist Architektur eine Möglichkeit, neue potenzielle Gäste anzusprechen. Aber sie bietet für ihn auch eine Chance, die Wertschöpfung zu steuern. Denn mit einem qualitätvollen Angebot lassen sich über die Preise die Erträge steigern, ohne die Kapazitäten ausbauen zu müssen.  „Bei uns hat es gut funktioniert“, sagt der Winzer. “In der Gegend werden es immer mehr, die auf Architektur setzen.“