Das Grundrecht zum Geldscheffeln

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Oktober 2019 verpflichtet Facebook dazu, strafbare Postings (Beleidigungen, Verhetzung) effektiv zu löschen. Was ist davon zu halten, dass sich Facebook nun um das Grundrecht der Meinungsfreiheit sorgt, weil Upload-Filter bei dieser Löschaufgabe übers Ziel schießen könnten? – Genau: Gar nichts. Seine freie Meinung äußern zu können, ist erstens nicht an den amerikanischen Konzern gebunden. Man kann das an jeder Straßenecke tun. Und zweitens ist Facebook jener Moloch, der sein Geschäftsmodell darauf gründet, ein anderes Grundrecht, nämlich das auf Privatsphäre, durch raffinierte Datenschnüffelei auszuhebeln.

Anstatt sich scheinheilig auf die Meinungsfreiheit zu beziehen, sollte das milliardenschwere US-Unternehmen einfach genug Geld in die Entwicklung besserer Uploadfilter investieren – oder halt in die entsprechende Manpower zum händischen Filtern, wenn sich Beleidigung, Bedrohung und Verhetzung automatisiert nicht treffsicher aussieben lassen.

Facebook verdient an Hass und Infamie

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: Facebook belohnt grenzwertige Meinungsäußerungen geradezu. Beleidigungen und Hetze sind nur die Spitze des Eisberges aus Häme, Sarkasmus, Panikmache, Fake News und Verschwörungstheorien, die von den Algorithmen des „sozialen“ Netzwerkes in den Timelines seiner User nach oben gespült werden. Warum? – User beschäftigen sich länger und ausführlicher mit solchen Absonderungen als mit den ausgewogenen Statements redlicher Geister. Selbst wenn man diese Emotionen ablehnt, ziehen uns Hass und Häme intensiver in ihren Bann als Empathie und reflektiertes Abwägen. Und diese Präferenz wiederum wird von Facebook genutzt, um seine User länger ans „soziale“ Netzwerk zu binden. Denn es bringt mehr Aufmerksamkeit für Facebook-Werbung, mehr Gelegenheit zum Datensammeln und insgesamt höhere Einnahmen für den Konzern, der sich schon immer viel Zeit ließ, die Verantwortung für politisch extremen Content auf seinen Servern zu übernehmen. Daher ist jeder Versuch, die User in die Pflicht zu nehmen und zur Nettiquette zu mahnen, zwar hehr, aber auch naiv. Damit sozialverträgliches Benehmen auf Facebook die negativen Äußerungen überdeckt, müsste der Konzern seine Algorithmen ändern – und dadurch wohl Abstriche bei den Gewinnaussichten machen. Das wird es freiwillig nicht spielen.

Facebook adé!

Wenn aber Facebook das Grundrecht zum Geldscheffeln offenbar wichtiger ist als der Schutz seiner User vor strafrechtlich relevanten Inhalten, und weil der Facebook-Feed zudem eine Hysteriespirale begünstigt, deren gesellschaftlichen Folgen dem Unternehmen offenbar egal sind, wäre es eigentlich das Beste, Facebook schleunigst zu zerschlagen. Denn mit Meinungsfreiheit oder sozial gedeihlichem Austausch hat das Netzwerk längst nichts mehr zu tun.

Aus diesem Grund habe ich persönlich meine Konsequenzen gezogen und im Frühjahr 2018 Facebook nach neun Jahren den Rücken gekehrt. Dieser Schritt hat meine Laune verbessert und meinen Blick auf die Welt deutlich aufgehellt. Ich kann ihn nur jedem empfehlen.

Ein Buchtipp als PS

Corinna Milborn und Markus Breitenecker führen in ihrem Buch Change the Game überzeugend aus, warum es ein demokratiepolitischer Fehler ist, dass Facebook und YouTube vor dem Gesetz bloß als Internet-Plattformen, nicht aber als Medien betrachtet werden. Dadurch entziehen sich die Giganten der redaktionellen Verantwortung für die Inhalte, die auf ihren Portalen publiziert werden. Gleichzeitig schöpfen sie den Werbe- und Anzeigenmarkt auf eine Weise ab, die den europäischen Medien und Redaktionen ihre wirtschaftliche Grundlage entzieht. Milborn und Breitenecker schlagen daher vor, die Spielregeln zu ändern und die amerikanischen Player ebenso in die Pflicht zu nehmen wie jedes normale Medium. Im Gegenzug könnte ein öffentlich-rechtliches Modell dazu genützt werden, europäische Medien zu stärken – als Gegengewicht zu den amerikanischen Internetgiganten, denen es vor allem um ihren Kurswert an der Börse geht.