Wie ich ein schlechter Buddhist wurde

Auszug aus dem titelgebenden Essay des Buches „Wie ich ein schlechter Buddhist wurde“, Edition Keiper: Graz 2020

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… Es folgten profane Jahre. Ich ließ Gott einen guten Mann sein und kümmerte mich – wie die ganze westliche Welt – um mein privates Glück. Die Bedeutung der Religion schwand in den 1990er-Jahren sukzessive dahin. Die Frage nach Glaube und Gott verlor im selben Ausmaß an Bedeutung, wie diejenige nach Konsum, Wirtschaftswachstum und Wohlstand ins Zentrum rückte. Die Kirche war zunehmend nur noch für rituelle Bedürfnisse der Menschen zuständig: die Segnung von Feuerwehrautos, Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse.

Dann krachten zwei Flieger in zwei Wolkenkratzer, und Religion war von heute auf morgen wieder ein großes Thema. Aber es war die Religion der anderen. Eine Religion, die von Fanatikern vereinnahmt worden war. Und diese versetzten die westliche Öffentlichkeit in helle Aufregung. Dubiose Mullahs, Selbstmordattentäter, Frauen mit Kopftuch halten seither unser spirituell ausgeblutetes Gemeinwesen in Atem.

Ich selbst kam 2004 der Religion wieder näher – diesmal in Form des Buddhismus, mit dem man unweigerlich in Berührung kommt, wenn man eine Reise nach Thailand unternimmt. Mit meiner Frau besuchte ich zig buddhistische Tempel in Bangkok und genoss es, von lächelnden Statuen umgeben zu sein, die Ruhe und Weisheit ausstrahlen – und nicht wie in katholischen Kirchen von gepeinigten und gefolterten Schmerzensmännern und -frauen, die von der Welt verlassen waren.

Wir ließen uns auf ein Retreat in Koh Phangan ein, das von Steve und Rosemary Weissman geleitet wurde, einem Amerikaner und einer Australierin. Es war eine Einführung in die Techniken der Meditation im Sitzen, im Stehen und im Gehen – begleitet von buddhistischen Unterweisungen für Anfänger. Zehn Tage Schweigen. Tagwache um 4 Uhr. Jeden Tag bis 20 Uhr meditieren. Den Geist unter Kontrolle bringen, die inneren Stimmen verstummen lassen, innere Ruhe finden. Im Schneidersitz auf dem Boden sitzen. Im Hof des kleinen buddhistischen Klosters, in dem wir zu Gast waren, langsam auf gerader Bahn hin und her schreiten. Sieben Meter nach vor schreiten, dann bedächtig auf dem Absatz umdrehen, sieben Meter zurückschreiten. Wieder umdrehen und wieder von vorne. Eine Stunde lang, bis zum Gong. Von außen betrachtet hätten wir auch Irre sein können, wie wir da scheinbar geistesabwesend durch den Hof schlurften. Dann wieder im Sitzen meditieren, dazwischen Unterweisungen in den Techniken der Meditation, Geschichten über Buddha und Lehrreden von Steve über das Anhaften – das Festhalten am Vergänglichen, das der ursächliche Grund für alles menschliche Leiden ist –, über das Loslassen und das Mitgefühl. Außerdem standen während des Retreats zwei Einzelgespräche mit den Lehrern auf dem Plan.

Am siebten oder achten Tag in der Früh hatte ich ein Erlebnis beim Sitzen. Mein müder Körper geriet in einen Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Plötzlich waren die Stimmen, Ideen und Lieder, die während der Meditationen meist ununterbrochen in meinem Kopf zu hören waren, verstummt, und ich kippte in ein bildhaftes Denken, wie man es manchmal kurz vor dem Einschlafen am Rande noch mitbekommt. In meinem Kopf öffnete sich etwas, mein Geist stieg hoch wie durch einen Brunnenschacht – strömte nach oben ins Freie. Und ich hatte eine Vision, in der ich selbst zu einem Springbrunnen wurde, wie ich ihn in der Mitte eines Riads in Marrakesch einmal gesehen hatte. Ich wurde zu einem Brunnen aus Licht, das mich vom Scheitel bis zum Beckenboden durchströmte. Unendlicher Frieden breitete sich in mir aus, und ich fühlte mich mit dem Universum eins. Es gab keine Schranken mehr, keine Trennung zwischen mir und der Welt. Es war wie im Traum vom Engel, den ich als Kind gehabt hatte. Und dieses Gefühl war unendlich beglückend. Ich wollte für immer in diesem Zustand verharren. Doch nach zehn Minuten ertönte der Gong und warf mich aus dem Paradies.

Dass die Meditationslehrerin Rosemary beim Einzelgespräch dieses Erlebnis als Konzentrationsphänomen abtat, kränkte mich fast. Ich hatte gehofft, ich hätte die Erleuchtung erfahren. Aber sie winkte ab. Konzentrationsphänomen.

Heute weiß ich, dass ich damals einen Hauch von dem erhascht habe, was versierte Meditierer nach langen Jahren der Übung erfahren können. Und dass es nicht von Vorteil ist, diese Erfahrung so rasch zu machen wie ich. Denn wenn man in diesen unendlich beglückenden Zustand unvorbereitet hineinkippt, will man ihn später unbedingt wieder erfahren. Und dieses „unbedingt wieder“ steht der Erlangung dieses Zustands im Weg wie nichts anderes.

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Auszug aus „Wie ich ein schlechter Buddhist wurde. Essays, Glossen und Polemiken. Edition Keiper: Graz 2020

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