Buchtipp: Der Erzählinstinkt

Nicht nur der Nutzen von Geschichten, sondern die Ursprünge unseres Erzähldrangs stehen bei Werner Siefers Buch „Der Erzählinstinkt“ im Mittelpunkt. In sechs Kapiteln liefert der deutsche Sachbuchautor Einsichten in das menschliche Kommunikationsverhalten. Er bedient sich dabei vor allem an Forschungsergebnissen aus der Psychologie und der Anthropologie, der Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen.

Geschichten sind die Basis unseres Zusammenlebens

Für die Anthropologie ist die menschliche Kommunikation die Fortsetzung der Fellpflege bei den Primaten. Wer sich je gefragt hat, warum wir so gerne über das Wetter reden und Smalltalk betreiben, bekommt hier die Antwort: Beim Smalltalk geht es nicht um Informationsaustausch, sondern in erster Linie darum, soziale Zusammengehörigkeit herzustellen. Schimpansen können das nicht; die würden bei einem Cocktailempfang einander die Läuse aus dem Fell klauben.

Aber das ist nur ein – wenn auch erfrischender – Nebenaspekt, den Werner Siefer in seinem Buch ans Tageslicht bringt. Zentral ist bei ihm die Überlegung, dass Geschichten nicht Beiwerk der menschlichen Existenz sind, sondern die Basis unseres Miteinanders. Ohne Geschichten keine menschlichen Gesellschaften. Nicht die Wissenschaften, nicht die Mathematik, nicht die Rechtsordnung, sondern Geschichten sind es, in denen wir von Generation zu Generation die kulturellen Rahmen unseres Miteinanders überliefern. Aus Märchen, Erzählungen und Familien-Anekdoten erfahren wir schon als Kinder, was möglich ist und was nicht geht, und welche Folgen es zum Beispiel haben kann, wenn man einer sich süßlich gebenden Hexe im Knusperhäuschen Glauben schenkt.

Geschichten schließen Erklärungslücken

Geschichten betten uns in ein kulturelles Umfeld und schaffen sinnvolle Zusammenhänge für die Unmengen an Informationen, die täglich auf uns einströmen. Geschichten wecken zudem Verständnis für das, was in anderen Menschen vor sich geht, und sie helfen uns, Krisen zu überwinden. Auch haben sie, psychologisch gesehen, die Funktion, Erklärungslücken zu schließen.

Werner Siefer berichtet im 4. Kapitel seines Buches von einem psychologischen Experiment, das man in den USA mit fünfjährigen Kindern durchführte. Einer Gruppe Kindern erzählte man von einem Geburtstagsfest, bei dem alles wie erwartet verlief: Kuchen, Kerzen, Geschenke. Eine zweite Gruppe hörte die gleiche Geschichte, nur dass das Geburtstagskind die Kerzen nicht ausblies, sondern mit Wasser löschte. Und die Kinder einer dritten Gruppe erfuhren, dass das Geburtstagskind während der Feier in Tränen ausbrach. Etwas später fragte man die Kinder aus allen Gruppen, woran sie sich erinnerten. In allen Wiedergaben vermischten sich Gehörtes und Erfundenes; aber bei den Gruppen, bei der das Geburtstagskind die Kerzen mit Wasser löschte bzw. in Tränen ausbrach, berichteten die Kinder zehn Mal ausführlicher vom Kindergeburtstag als jene, die von der konventionellen Geburtstagsfeier gehört hatten. Die Folgerung der Psychologen: Unkonventionelles Verhalten (Kerzen mit Wasser löschen, beim eigenen Geburtstag in Tränen ausbrechen) regt das Erzählen von Geschichten an, die der Erklärung dienen sollen und helfen, Unerklärliches zu überbrücken.

Warum Verschwörungstheorien boomen

Diese Schlussfolgerung lässt sich gut mit der Einsicht verknüpfen, dass es nicht nur die empirische Wahrheit der Wissenschaften gibt, die unser Tun leitet, sondern auch eine soziale Wahrheit und verschiedene individuelle Wahrheiten, die ebenso wirkmächtig sind und oft sogar noch mächtiger. Erst dadurch lässt sich verstehen, warum Verschwörungstheorien aktuell so hoch im Kurs stehen: Sie liefern halbwegs plausible Erklärungen für Vorgänge, die weit jenseits des Erfahrungshorizonts liegen. Dass beispielsweise islamistische Terroristen sich als einfache Flugpassagiere tarnen, mehrere Linienjets entführen, diese in die Türme des World Trade Centers lenken und damit zum Einsturz zu bringen, ist eine so ungeheure Aktion, dass sich viele Menschen nicht mit den offiziellen Berichten zufriedengeben können. Da muss doch mehr dahinterstecken! FBI, CIA, Russland, Marsmenschen … Ungezählt sind die Theorien, die sich um die unglaublichen Vorfälle vom 11. September 2001 gebildet haben. (Vor ein paar Jahrhunderten hätte man sich in so einem Fall noch mit einer Geschichte über einen bösen Drachen beholfen.)

Durchs erste Kapitel muss man durch

Autor Werner Siefer liefert in seinem Sachbuch zahlreiche faszinierende Einsichten in das bemerkenswerte Kommunikationsverhalten der Menschen. Nur hin und wieder macht er es einem schwer, in das Thema zu finden: Zum einen formuliert er seine Kapitel als Briefe an einen gewissen Maurice, wobei sich nie auflöst, wer der Angesprochene ist, wodurch die Briefform bald ihren Sinn verliert. Zum anderen verfällt Siefer ausgerechnet im Anfangskapitel des Buches in eine Erzählweise, die sehr viele Autoren aufgreifen, die über Storytelling schreiben: ins Schwafeln. Da gibt er seitenweise uninteressante Alltagsbeobachtungen wieder, wie um zu demonstrieren, dass Erzählen in jedem Fall interessant ist. Aber das ist leider nicht der Fall. Wenn man diese Einstiegshürde überwindet, wird man in der Folge mit einem sehr aufschlussreichen Buch belohnt. Denn „Der Erzählinstinkt“ trägt aus den Humanwissenschaften eine Fülle von Erkenntnissen über unseren Hunger nach Erzähltem zusammen und verwebt sie zu einer spannenden Geschichte über das Wesen der menschlichen Kultur.

Werner Siefer: Der Erzählinstinkt. Warum das Gehirn in Geschichten denkt. Hanser: München 2015, 271 Seiten.