Die St*rne sehen heut sehr anders aus

Wie der Genderstern unser Denken spaltet und den Humanismus dekonstruiert. Ein Versuch.

Als ich im Kindergartenalter war, saß ich in der Kirche manchmal im Chorgestühl im Altarraum, weil mein Bruder ministrierte und ich mit ihm durch die Sakristei in das Gotteshaus gehen durfte. Während der heiligen Messe kniff ich immer wieder die Augen zusammen und blickte in die Kronleuchter, die hoch über mir von der Decke hingen, weil ich, wenn ich die Lider fast, aber nicht ganz zumachte, die Lichter der kerzenförmigen Glühbirnen als strahlende Sterne wahrnahm. Das faszinierte mich. Der Pfarrer merkte es und redete mich mitten in der Messe an, ich solle das mit den Augen sein lassen. Das war mit sehr peinlich, und danach bin ich nicht mehr so gerne in die Kirche gegangen.

Sterne mag ich trotzdem: als Lichtreflexionen auf Fotografien, als Symbole und auch als Metaphern. David Bowie, von dem ich den Titel zu diesem Text geklaut habe, war besessen von der Stern-Metapher. Er posierte als Starman, Ziggy Stardust, Rock’n’Roll Star, the Prettiest Star und wurde ganz am Ende seiner Karriere, als der Krebs ihn schon fast zerfressen hatte, zum Black Star. Das gleichnamige Album, zwei Tage vor seinem Tod erschienen, ist auch sein künstlerisches Vermächtnis.

Für die Rolling Stones hingegen diente der Stern zur Verhüllung ihrer verbalen Schweinigeleien. Ihre Single Star Star aus dem Jahr 1973 sollte eigentlich „Starfucker“ heißen, aber der Präsident ihrer Plattenfirma, der türkischstämmige Ahmet Ertegun, bestand darauf, den Titel zu ändern – nicht jedoch den Text, wo es im Refrain recht monoton zur Sache geht: „You’re a star f*cker, star f*cker, star f*cker star“, singt Mick Jagger im Duett mit Ron Wood.

Verkehrte Verwendung

Die längste Zeit kennzeichnete der Asterisk, wie das Sternchen als Typografiezeichen heißt, entweder Anmerkungen in Fußnoten* oder zensurierte Wörter bzw. zensurierte Wortteile. Oft wurden in Texten Wörter, die Anstoß erregen könnten, mit Sternen keusch unkenntlich gemacht, und jeder wusste dennoch, was sich dahinter verbarg: „Sag deinem Hauptmann, er kann mich am Ar***e lecken!“

Mit dem Genderstern kehrt sich diese Verwendung um: In Anreden wie „Leser*innen“ kennzeichnet der Stern nicht etwas Obszönes, das verdeckt werden soll, sondern ihm wird vielmehr die Funktion zugewiesen, auf etwas hinzudeuten, das sich in der Sprache scheinbar nicht benennen lässt, nämlich Trans- und Intersexualität, die vom binären Schema der Biologie, männlich / weiblich, abweicht. Der Genderstern korrespondiert dabei mit dem Stern, den man am Computer bei einem Suchbegriff als Platzhalter setzen kann, wenn man das Ergebnis offen halten will.

In einigen Kulturen ist das sogenannte dritte Geschlecht historisch etabliert, etwa in Thailand. Dort werden Kathoyes als weibliche Männer zwar gesellschaftlich nicht umjubelt, aber in ihrer Besonderheit dennoch anerkannt. In Europa und den USA hingegen wurde Intersexualität die längste Zeit als Störung der Biologie wahr­genommen. Intersexuelle, Transsexuelle und andere Vertreter der Geschlechtsdiversität wurden und werden oft immer noch als pathologische Phänomene betrachtet und behandelt. Oder, wie es am Beginn von Jeffrey Eugenidis‘ Roman „Middlesex“ heißt: „Specialized readers may have come across me in Dr. Peter Luce’s study, ‘Gender Identity in 5-Alpha-Reductase Pseudohermaphrodites’, published in the Journal of Pediatric Endocrinology in 1975.“

Seit die Gender-Studies die Geschlechtereinteilung in männlich und weiblich gerne grundsätzlich als soziale Schimäre dekonstruiert hätten, wurde der Boden bereitet für eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz von jenen, die sich nicht ins Mann-Frau-Schema fügen können oder wollen bzw. die ihre Geschlechtsidentität im Lauf des Lebens wechseln. Dieses Bemühen um Anerkennung ist aus meiner Sicht das einzig wirkliche Verdienst der akademischen Guerilla rund um Gender-Hohepriesterin Judith Butler, die mit ihren Theorien von der kulturellen Konstruktion biologischer Tatsachen das universitäre Streben nach Rationalität langsam, aber sicher zerbröseln lässt – zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die in schwachen Stunden immer wieder anfällig für Abstruses sind.  

Penetrantes Signal

Vor lauter Begeisterung über diese Errungenschaft der Gender-Studies, und weil geschätzte 0,1 % der Bevölkerung, die Intersexuelle sind oder sich als Transgender begreifen, in der Sprache angemessen repräsentiert werden wollen, wird mit zunehmendem Eifer der Genderstern in Anreden und in Personennomen gesetzt. Logisch, wir sind ja alle für die gute Sache, Daivörsiti und so. Und es hängen auch immer mehr Menschen (zumindest in den Medien) dem weitverbreiteten Glauben an, der angeblich mit zig Studien untermauert ist, wonach das grammatische Geschlecht natürlich auch das biologische Geschlecht und erst recht das individuelle geschlechtliche Selbstverständnis zum Ausdruck bringe.** Dort, wo die Ansicht herrscht bzw. frauscht, die böse deutsche Muttersprache sei irre patriarchalisch, muss folgerichtig neben dem generischen Femininum auch das noch unbenannte Dritte benannt werden, wenn es um Berufsbezeichnungen oder die Anrede von Menschen (m/w/d) geht.

Auch wenn ich mit dieser Meinung in meinem politischen Umfeld in der Minderheit bin: Die Kennzeichnung aller möglichen Geschlechter in eine gendermäßig dekonstruierte Sprache hineinzutragen, birgt auch die Gefahr, den Humanismus selbst zu durchlöchern, bis nichts mehr davon übrig ist. Bereits das konventionelle „Gendern“ mit Beidnennung oder Binnen-I geht implizit davon aus, dass man 24 Stunden am Tag sein Menschsein darüber definiert, welchem Geschlecht man (nicht) angehört. Und der Genderstern setzt dem ganzen noch die Krone auf und lenkt den Blick unausweichlich auf die Frage der Geschlechterzugehörigkeit. Das macht die Sache ganz schön unlocker.

Die Wahrnehmung der Rassisten

Vielleicht verdeutlicht ein Blick in die Geschichte und auf eine frühere Form des sprachlichen Framings, warum die Aufspaltung der Menschen nach Kriterien der Gender-Studies in Männer und Frauen plus Transgender-Personen einen unguten Beigeschmack annehmen kann: Vor 100 Jahren war es in Deutschland und Österreich relevant, sich seines „Volkes“ und seiner „Rasse“ bewusst zu sein. Die Wahrnehmung konzentrierte sich nach und nach auf die Rassenfrage in ihrem nationalistischen und rassistischen Sinn. Das Augenmerk richtete sich auf die unterschiedlichen Phänotypen der Menschen, und die Unterschiede wurden immer stärker mit völkischen Fragen verknüpft. Der Gedanke, der sich damals in weiten Teilen der Bevölkerung durchgesetzt hat bzw. offiziell vorgeschrieben wurde, war, dass es „Rassen“ gäbe, die wertvoller seien als andere – über allem die Arier germanischen Zuschnitts – und andere, die „minderwertig“ wären, allen voran die „jüdische Rasse“, die an allem Übel in der Welt schuld sei. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg wurden die Leute darauf konditioniert, in ihren Mitmenschen nicht primär Menschen zu sehen, sondern Rassen- und Volksangehörige: Arier, Slawen, Juden … Herrenmenschen und Untermenschen. Der völkische Rassismus gab den Rahmen für das Denken vor, bis er schließlich in Paragraphen festgehalten und dadurch auch behördlich handlungsleitend wurde.

Am Beginn der goldenen 1990er-Jahre, als weder Genderthemen noch der nunmehr postkoloniale Rassismusdiskurs eine Rolle im öffentlichen Leben spielten, sprach ich nach einer Lesung den Dichter Robert Schindel an. Meine Freundin und ich unterhielten uns prächtig mit dem Autor und sackten in der Bar des Hotels, in dem er untergebracht war, mit ihm ab. Irgendwann zu sehr später Stunde kam das Gespräch auf sein Geburtsdatum – den 4.4.44 – und darauf, dass er während der verbleibenden 13 Monate der Naziherrschaft als Baby versteckt worden sei. Ich, blauäugig: „Warum?“ Darauf Schindel: „Na, schau mich an!“ Und ich besah mir sein Gesicht, seine dunklen Locken, seine Nase, die ziemlich groß und leicht gebogen war, seine dunklen Augen und seinen olivenfarben grundierten Teint – und erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Schindels Gesicht entsprach fast klischeehaft der Karikatur eines Juden aus dem „Stürmer“. Ich hatte mich stundenlang mit ihm unterhalten, ohne auch nur einen Augenblick über sein Aussehen nachzudenken. Es war mir völlig gleichgültig gewesen, einfach, weil es in meinem Denken keine Rolle spielte (und nach wie vor spielt), wer wie ausschaut – außer, jemand erinnert mich an eine konkrete Person, mit der ich positive oder negative Erfahrungen gemacht habe. Erst nach Robert Schindels Bemerkung habe ich fallweise begonnen, Leute mit dunklen Locken, großen Nasen und mediterran dunklem Teint danach zu betrachten, ob sie eventuell auch Semiten sein könnten. – Was ich dann einfach zur Kenntnis nehme, ohne etwas daraus abzuleiten.***

An das Erlebnis mit Robert Schindel muss ich denken, wenn ich einen mit besten Absichten platzierten Genderstern in einem Text sehe. Denn durch die Verwendung des Sterns wird man beim Lesen in ein Denkschema gezwungen, das an die Stelle einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen eine Kennzeichnung setzt, die einen Unterschied herauskehrt und die Geschlechter polarisiert. Und diese Wahrnehmung wird im Genderdiskurs ähnlich wie im rassistischen System des frühen 20. Jahrhunderts allmählich, aber doch mit Wertungen verbunden. Nur jetzt halt als volle Retourkutsche. Man sieht das schon bei Judith Butler: In ihrem Werk „Gender Studies“ setzt sie den Begriff „die Frau(en)“ stets unter Anführungszeichen, um damit zu verdeutlichen, dass alle Bilder und Begriffe, die man sich vom Weiblichen macht, unter Vorbehalt zu verstehen sind. Im Gegenzug scheint für Butler alles, was mit dem Mann und dem Männlichen zu tun hat, in Beton gegossen, denn an keiner Stelle ist von einem „Mann“ unter Anführungszeichen die Rede.

A Star is born

Von Judith Butler ausgehend, steht der Mann und insbesondere der „(alte) weiße Mann“ als Inbegriff allen Übels nun ganz unten auf der Stufe der moralischen Wertigkeit. Er ist schuld am zerstörerischen Patriarchat, an Rassismus, an Gewalt und Krieg, an der ökologischen und ökonomischen Ausbeutung der Welt. Und dies mit einer Ausschließlichkeit, die an die große jüdische Weltverschwörung erinnert. Der Fehlschluss der Gender-Feministinnen ist allerdings ein ähnlicher wie jener der Antisemiten: Aus der Tatsache, dass es die Familie Rothschild gibt, lässt sich nicht ableiten, dass jeder Jude reich und einflussreich wäre. Und schon gar nicht lässt sich aus dem Reichtum der Rothschilds ableiten, dass „die Juden“ am Elend der Welt schuld wären.

Ebensowenig lässt sich aus der Tatsache, dass die Machtzentralen weltweit von Männern dominiert werden, ableiten, dass „die Männer“ an der Macht sitzen. Im Gegenteil: Die überwiegende Zahl der Männer war und ist ebenso machtlos in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen verfangen wie alle anderen Menschen. In der europäischen Geschichte zum Beispiel diente die Mehrheit der Männer die längste Zeit als Kanonenfutter und Leibeigene, als Hackler und Untertanen. Aber das historisch und soziologisch differenzierte (europäische) Denken ist nicht eben die Stärke der amerikanischen Gender-Studies.

In deren neuem Kastenwesen kommt als Nächstes die stets ausgebeutete Frau als ewiges Opfer des Mannes auf ihre Kosten. Sie ist seit Jahrtausenden unterdrückt, ausgebeutet und Leidtragende von physischer und sexueller Gewalt. Sie braucht keine Verantwortung für den Zustand der Welt zu übernehmen, denn sie ist ja das Opfer, und kann dem Mann, den sie in allen Industrieländern trotz ihrer Ausbeutung jeweils um mehrere Jahre überlebt, moralisch jederzeit eine lange Nase drehen.

An der Spitze der Geschlechterhierarchie der Gender-Studies steht neuerdings jedoch sternenhaft strahlend der inter- und transsexuelle Mensch, der als doppeltes Opfer einerseits der binären Biologie und andererseits der „heteronormativen“ Sexualität gilt und nun in den Genuss der besonderen Zuwendung und Huldigung kommen soll. *****superior-mäßig.

Sind Intersexuelle Sternenwesen?

In manchen Kulturen werden intersexuellen Menschen engelhafte Züge zugesprochen. Sie gelten als Wesen aus einer anderen Welt – Sternenwesen wie David Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust in ihrer ganzen androgynen Zwitterhaftigkeit. An dieses Thema knüpft der Sänger in seinem späten Musikvideo zum Song The Stars (Are out Tonight) aus dem Jahr 2013 an. Bowie und Tilda Swinton spielen darin ein alterndes Ehepaar, das von seltsamen Wesen heimgesucht wird. Im Video löst Bowie nach und nach die binären Kategorien von Mann und Frau, Stars und Normalos, Erdenbewohnern und Außerirdischen, Alt und Jung auf und lässt die Rollen ineinander übergehen. Das wirkt anfangs unheimlich und befremdlich, deutet aber auch an, dass es jenseits der Dichotomien etwas gibt, das über der Zweiteilung unserer menschlichen Geschlechtszuordnung stehen könnte: eine Annäherung der vermeintlichen Gegensätze.

Meine Hoffnung als Humanist wäre, dass dieses transbinäre Etwas der Mensch an sich wäre – vor seiner Aufspaltung in Adam und Eva. Die Gender-Studies aber lehnen den Humanismus als angeblich patriarchales Narrativ ab und haben offenbar eine andere Hoffnung: Anstatt die Menschheit auf ein menschliches Eines runterbrechen zu wollen, soll sie in zwei konträre Lager aufgespaltet und das Heil einem übergeschlechtlichen Dritten zugeordnet werden: dem transgender-intersexuellen Wesen, das sich allen Kategorien entschlägt. Es ist ein Wesen ohne eindeutige Geschlechtsorgane und vorab definierbare Geschlechtsrolle und auf keinen Fall heterosexuell. Das neue Ideal ist genderfrei und rollenungebunden. Ein echter Star! Was dieses undefinierbare Genderideal mit den anderen Menschen gemein hat, sind sein Kopf, seine Gliedmaßen, seine Organe – und zwischen den Beinen auf jeden Fall der Anus, ohne den wir Säugetiere vor aufgestauten Stoffwechselprodukten explodieren würden. Und das führt mich zur nächsten Lesart des Sternsymbols.

Der Stern als Abbild des Afters

Um das Jahr 2000 herum präsentierten wir an einem kalten Jännerabend eine der ersten Ausgaben des Magazins schreibkraft im Literaturhaus Wien. Unser literarischer Stargast war der Schriftsteller Franzobel. Bevor er aus seinen Texten las, stellte er auf dem Podium eine Betrachtung über den Stern an, den die Zeitschrift als i-Punkt in ihrem Logo führt. Franzobel sagte, er habe sich schon immer gefragt, wofür der Stern als Symbol stehe. Seine Erklärung fiel franzobelisch deftig aus: Der Stern sei seiner Ansicht nach ein Abbild des Schließmuskels, der sich sternförmig um den After ringt.

Auch an Franzobels Interpretation muss ich denken, wenn ich den Genderstern in einer Anrede sehe. Als Afterring gelesen, wäre der Genderstern tatsächlich nicht nur Verweis auf eine Ideologie, sondern auch faktisches Symbol. Denn wie die Hunde beschnuppern wird uns am Gender. Und das immer öfter: Nicht mehr menschliche Werte, Interessen, Gedanken, Träume sind wesentlich für unser Sein, sondern was wir zwischen unseren Beinen tragen: unsere sexuelle Orientierung und unsere Zugehörigkeit zu einem Geschlecht.

Mir ist das zu eindimensional und in den Auswirkungen zu psychotisch. Unser Leben in der wohlhabenden, urbanen Bobo-Blase ist bereits so overgendered, dass man verzweifelt ausrufen möchte: „Sag deinem Hauptmann/deiner Hauptmänn*in, er/sie* soll mich am G**der l***n!“

Technoide Träume

Die Ironie an der Sache ist doch: Die Gender-Studies stellen in letzter Konsequenz die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Abrede („Geschlechterrollen sind lediglich performative Akte“), zementieren sie aber sprachlich ein, indem sie permanent darauf hinweisen. Die Stoßrichtung ist klar: Dort, wo Heterosexualität nicht als normal, sondern als „normativ“ erlebt und bezeichnet wird, und wo Männer und insbesondere „alte, weiße Männer“ ausschließlich als ausbeutende, potenziell vergewaltigende Subjekte beschrieben werden, aber selten als Wesen, denen man – Gottseibeiuns – mit Zuwendung begegnen könnte****, dort wird einem der seit Millionen Jahren übliche Weg der biologischen Reproduktion ziemlich madig gemacht. Heterosexualität sei „normativ“, heißt es. Schwingt da nicht ein ganz klein wenig mit, dass heterosexuelle Liebe von denen, die von „Heteronomativität“ sprechen, als irgendwie zwanghaft und irgendwie sozial bedenklich wahrgenommen wird? Ist das jetzt die Revanche für die jahrhundertelange Verteufelung der Homosexualität als krank und abartig? – Zum Glück gibt es einen Ausweg aus dem sexuellen Dilemma. Und das sind technische Lösungen: künstliche Befruchtung, Retortenbabys, Adoptionen aus Schwellenländern und eben die jederzeit verfügbare Option, sein Geschlecht einfach zu wechseln.

Es sind tief technoide Träume, die die Heterosexualität als „normativ“ zu diskreditieren versuchen. Und das ist der zweite Aspekt, den ich an der Sprachpropaganda des Gender-Mainstreamings unheilvoll finde: Medienberichten zufolge fühlen sich immer mehr junge Menschen in Europa in ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit verunsichert. Wen wundert’s, wenn das für die überwiegende Mehrheit der Menschen Selbstverständliche auf zwangsneurotische Weise dauerhinterfragt wird. Im 18. Jahrhundert reichte ein Buch – Goethes „Werther“ –, um junge Menschen in ihrer Existenz zu verunsichern und ihrem fiktiven Idol nachzueifern. Heute ist es der androide Chique hübscher Transsexueller, die das Modell-Universum bevölkern, der Sehnsüchte nach einem anderen Leben weckt.

Schweden wird transgender

Medial aufgebauscht und mit sprachlichen Kennzeichnungen in alle Schriftstücke getragen, strahlt die Gendersonne in immer mehr Lebensbereiche hinein. In diesem Sog entschließen sich auffällig viele Leute in ihrer jugendlichen Desorientierung dazu, ihr Geschlecht zu wechseln. Sehr massiv ist das in „hen“-Land***** Schweden der Fall, wo die medizinisch nötigen Schritte 2017 gesetzlich erleichtert wurden: keine verpflichtende Psychotherapie vor dem Eingriff mehr („Wir sind ja nicht krank!“) und volle Unterstützung bei den Kosten für die Hormonbehandlung und die chirurgische Verwandlung. Seither ist die Zahl der Mädchen zwischen 13 und 18, die sich in Jungs umwandeln lassen wollen, um sagenhafte 1.500 % gestiegen, wie der englische „Guardian“ im Februar 2020 berichtete******* – allerdings ohne die absoluten Zahlen zu nennen. Doch 1.500 % wovon?

In Deutschland mit seinen 83 Mio. Einwohnern gibt es Schätzungen zufolge rund 100.000 Intersexuelle und Transgender-Personen. Das ist ca. ein Promille der Bevölkerung. Wenn man davon ausgeht, dass dieses Verhältnis in Schweden mit seinen 10 Mio. Einwohnern ähnlich ist, dann könnten dort ca. 10.000 Intersexuelle und Transgender-Personen leben; und wenn man noch einmal davon ausgeht, dass maximal ein Zehntel davon unter 20 Jahre alt und das ursprüngliche Geschlechterverhältnis der Betroffenen ausgewogen ist, dann waren es lange Jahre rund 500 schwedische Mädchen pro Jahr, die sich für eine Geschlechtsumwandlung entschieden – und nun plötzlich könnten es 7.500 sein. Das könnte demnach bedeuten: 7.000 von den mutmaßlich 7.500 pubertierenden Mädchen, die sich in Schweden um eine Hormonbehandlung anstellen, wären von sich aus gar nicht auf den Gedanken gekommen, das Geschlecht zu wechseln, wenn das Thema nicht medial hochgespielt werden würde. Wie viele von ihnen werden ihren Schritt in einigen Jahren bereut haben und sich in den Hintern beißen? Wie viele werden sich denken: Mensch, hätte ich es einfach bei den homoerotischen Episoden belassen – gleich wie meine Eltern, als sie jung waren!

Der „Guardian“ berichtet weiters, dass schwedische Ärzte und Psychologen zunehmend Zweifel am eingeschlagenen Weg äußern; und im Artikel kommen Betroffene zu Wort, denen die operative Geschlechtsumwandlung massive psychische Probleme beschert hat, und die diesen Schritt jetzt zutiefst bedauern. Vorschnell und ohne psychologische Begleitung das Geschlecht operativ an die pubertären Eingebungen hormoneller Achterbahnfahrten anzupassen, ist vermutlich auch in der offensten aller Gesellschaften nicht für jeden so leicht zu verkraften, wie manche Hardcore-Transaktivisten glauben machen wollen. Im Gegensatz dazu empfiehlt der österreichische „Verein für Transgender-Personen“, TransX, auf seiner Homepage, den Weg langsam zu gehen: „Eine unserer Beraterinnen hat die Frage ‚wann soll ich operieren?‘ oft lakonisch beantwortet: ‚Dann, wenn’s nicht mehr anders geht.‘ Eine noch präzisere Einschätzung ist kaum möglich.“

Blindlings wohlmeinend

Die meisten Menschen, die den Genderstern in ihren Texten verwenden, wollen Offenheit, Verständnis und Liberalität signalisieren. Sie wollen etwas für die Rechte von Frauen und Anerkennung von Intersexuellen tun. Aber sie lenken das Denken durch die Verwendung des Symbols in eine vordefinierte Richtung, die alles Sein am Rahmen der sexuellen Zugehörigkeit ausrichtet. Ist es wirklich das, was unser Leben als Mensch bis ins Letzte ausmacht: Ob wir uns als Mann, Frau oder etwas Drittes begreifen?

Oder ist der Genderstern, der jedes mit ihm gekrönte Wort in männlich/weiblich spaltet und die Transsexualität über alles stellt, das postfaktische Kuckucksei der Gender-Studies, aus der eine neue Phase der Irrationalität und Inhumanität schlüpfen wird wie vor 100 Jahren der völkische Rassismus aus der Rassentheorie? Die Rassentheorie war zwar völlig gaga, aber zu ihrer Zeit an den Universitäten ebenso anerkannt, wie es heute die Gender-Studies sind. Sind diese nun der Vorbote für eine technoide puritanische Gesellschaft, für die eine auf das andere Geschlecht bezogene Sexualität, die wir Wirbeltiere seit Millionen Jahren pflegen, ein rein kulturelles Zwangsverhalten, ein klinisch-pathologisches Unding ist, das es zu unterbinden gilt?

Vernünftiger und weniger tourettehaft, als in Schriftstücken die sternförmigen Reviermarken der Gender-Studies zu platzieren, wäre es meines Erachtens, sich weiterhin mit aller Kraft politisch und gesellschaftlich für die Anliegen der Gleichberechtigung in allen Bereichen einzusetzen – gerne auch mit Quoten. Es gibt so viele unqualifizierte Männer auf höheren Posten, warum soll man diese Positionen nicht anteilsmäßig mit unqualifizierten Frauen und Transgenderpersonen besetzen? Das würde zwar nicht elementar zu einer besseren Welt beitragen, weil es (analog zu den Gender-Studies) die fatale Steigerungslogik unseres Wirtschaftssystems in keinster Weise hinterfragt, aber es würde vermutlich auch nichts weiter verschlechtern. Vielleicht könnte man sich dann wieder entspannt auf den guten, alten Humanismus besinnen, der Menschen in ihrer individuellen Würde wahrnimmt und sie als gleichwertig betrachtet – unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht und Sprache, wie es in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ heißt.

Rassisten und oberflächliche Menschen bewerten andere nach ihren äußerlichen Merkmalen. Transaktivisten und blindlings Wohlmeinende dagegen starren wie geblendet auf das Gender und setzen den Stern.


Fußnoten:

* Vgl. Anthony Grafton: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. Dtv 1998.

** Einen kritischen Blick auf die Studien erspart man sich vorsichtshalber – und ebenso die Frage, wie repräsentativ Testungen von 50 oder 100 Linguistik-, Gender-Studies- und Psychologie-Studenten für die Gesamtheit der 100 Millionen Deutschsprachigen tatsächlich sind.

*** Möglich, dass ich mit dieser Einstellung zu einer Minderheit gehöre und die Mehrheit tatsächlich aus Rassisten besteht, pardon: Rassist*innen.

**** außer es sind fügsame homosexuelle Männer

***** “hen” ist ein neutrales Personenpronomen im Schwedischen, das Mitte der 1960er aus dem Finnischen übernommen wurde. Es ist vergleichbar mit dem deutschen „es“. 2015 wurde das Wort offiziell in das Wörterbuch der Schwedischen Akademie aufgenommen.

****** „Teenage transgender row splits Sweden as dysphoria diagnoses soar by 1,500%“ – The Guardian vom 22.2.20