Der geborene Beobachter

Am 18. Mai 2009 starb Paul Parin im Alter von 92 Jahren in Zürich. Der 1916 in der Steiermark geborene Psychoanalytiker war altösterreichischer Gutsbesitzersohn mit Schweizer Pass, atheistischer Jude, kritischer Sozialist, begeisterter Jäger, Chirurg bei den Partisanen, Ethnologe in Afrika, Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse, erfolgreicher Schriftsteller und liebender Ehemann mit homoerotischen Phantasien.

Die Schublade, in die Paul Parin passt, muss erst noch gezimmert werden. Sie müsste auf jeden Fall viel Fassungsvermögen haben – mindestens so viel wie die beiden Räume im dritten Stock der Sigmund-Freund-Privatuniversität (SFU) in Wien, wo der Nachlass des Vielseitigen verwahrt und aufgearbeitet wird. In Raum 3008 ist das „Parin-Zimmer“ untergebracht: die Couch, der Analytikersessel und die mit Zigarettendunst imprägnierten Bücherwände, die Parin in seinem Zürcher Arbeitszimmer täglich umgaben. Die Brüder Johannes und Michael Reichmayr – Psychoanalytiker der eine, Philologe der andere – arbeiten hier gemeinsam mit der Psychotherapieforscherin Christine Korischek an der Gesamtausgabe der Werke Paul Parins, die im Mandelbaum Verlag erscheint. 2018 wurde „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“ als erster Titel der 19-bändigen Werkausgabe neu aufgelegt, im Frühjahr 2019 folgte „Untrügliche Zeichen von Veränderung. Jahre in Slowenien“. Auch die bahnbrechende psychologische Studie über Männer und Frauen des westafrikanischen Volkes Dogon, mit denen Parin, seine Frau Goldy und der gemeinsame Freund Fritz Morgenthaler in den 1960ern bekannt wurden, soll neu veröffentlicht werden.

Als Psychologe in Westafrika

Die Parins und Fritz Morgenthaler hatten nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich die psychoanalytische Ausbildung bei Rudolf Brun absolviert und eine gemeinsame Praxis am Utoquai eröffnet. Um dem „grau werdenden Alltag in Zürich zu entkommen“, wie Paul Parin einmal schrieb, unternahmen sie 1954/55 zu dritt eine ausgedehnte Reise durch Westafrika. Dabei legte das Trio von Algier durch die Sahara nach Ghana und von dort über die Elfenbeinküste nach Senegal 12.000 Kilometer im Jeep zurück. Fasziniert von Land und Leuten, folgten bis 1970 fünf weitere Reisen durch West- und Zentralafrika, die bald den Charakter von Forschungsreisen annahmen. „Wir haben für die dritte Reise ethnologische Literatur studiert, ohne auch nur eine Ahnung davon zu bekommen, was uns für Menschen begegnen würden“, erinnerte sich Parin. „Nicht eine einzige Person war in diesen Büchern als handelndes, denkendes, fühlendes Subjekt beschrieben, geschweige denn vorgestellt.“

Mit einem kleinen Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds ausgestattet, führten die Schweizer Analytiker 1959/60 in Afrika Hunderte Gespräche mit Männern und Frauen der Dogon im Osten von Mali, um deren Persönlichkeiten systematisch zu ergründen und die Menschen hinter den ethnologischen Zuschreibungen kennenzulernen. Das Buch „Die Weißen denken zu viel“, das 1963 aus dieser Arbeit hervorging, legte den Grundstein für die Ethnopsychoanalyse. Diese Forschungsrichtung untersucht, wie sich die materielle, kulturelle Basis einer Gesellschaft im Einzelnen widerspiegelt. „Eine Erkenntnis daraus war, dass man auch auf das Individuum psychologisch einwirken muss, um gesellschaftlich etwas verändern zu können“, sagt Johannes Reichmayr.

Michael Reichmayr, Christine Korischek und Johannes Reichmayr im Parin-Zimmer am der Sigmund-Freud-Universität, Wien
Die Herausgeber der gesammelten Werke Parins: Michael Reichmayr, Christine Korischek und Johannes Reichmayr im Parin-Zimmer am der Sigmund-Freud-Universität, Wien

Der habilitierte Psychologe hat lange an den Universitäten Salzburg und Klagenfurt gelehrt, bevor er 2005 an die SFU berufen wurde. Bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte er sich mit den Parins angefreundet und war mit ihnen lebenslang eng verbunden. Zum einen teilte Reichmayr ihr Interesse an der Psychoanalyse als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, zum anderen stellte sich bald heraus, dass er und sein Bruder Michael im selben Haus in Graz aufgewachsen waren wie Paul Parins Frau Goldy. Nicht nur das: Die Brüder waren, ohne es gewusst zu haben, mit der Grande Dame der Schweizer Psychoanalyse entfernt verwandt. 1995 hat Johannes Reichmayr ein bis heute mehrfach aufgelegtes Standardwerk zur Ethnopsychoanalyse veröffentlicht. Der interdisziplinäre Ansatz dieser Forschungen, die den psychologischen Einfluss der Kultur im Individuum sichtbar machen, fiel bereits bei der aufkeimenden 68er-Generation auf fruchtbaren Boden: „Die Weißen denken zu viel“ wurde bald nach Erscheinen zu einem Kultbuch.

Als Arzt bei den Partisanen

Aber auch die Biographien von Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy mussten bei den 68ern Sympathien wecken: Beide waren Kinder aus ehemals wohlhabenden Familien, beide hatten sich in ihren Jugendjahren marxistischen Ideen zugewandt und dem Faschismus in den 1930er- und 40er-Jahren die Stirn geboten. Elisabeth Matthèy – Spitzname Goldy – stammte aus einer verarmten Grazer Industriellenfamilie mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Nach ihrem Vater August ist heute noch ein Park in der steirischen Landeshauptstadt benannt. Goldy unterstützte von 1937 bis 1939 als Röntgenassistentin die Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Obwohl ihr späterer Ehemann Paul in den 1930ern nur zwei Straßen vom Haus der Matthèys entfernt das Gymnasium besuchte, lernte sie ihn erst 1939 in Zürich kennen, wo er – ebenfalls Schweizer Staatsbürger – Medizin studierte. 1944 schlossen sich beide gemeinsam mit Goldys Bruder August und vier weiteren Schweizer Ärzten Titos Partisanen an. Die Schweizer Truppe betreute zuerst ein Lazarett im Hinterland von Montenegro, später leiteten sie ein Krankenhaus für Kriegsverwundete auf einer Insel vor Dalmatien.

Paul Parin und Goldy Matthèy im Partisanenspital Meljine, 1945
Paul Parin (3. v. r.) und Goldy Matthèy (2. v. r.) 1945 vor dem Partisanenspital in Meljine, Montenegro

„Das Spital hatte sich im Lauf der Wochen stark vergrößert“, erinnerte sich Parin in seinem 1991 erschienenen Buch „Es ist Krieg und wir gehen hin“: „Es beherbergte etwa 660 schwerverwundete und andere, an Typhus oder Flecktyphus erkrankte Kämpfer und Kämpferinnen der Partisanenarmee und über tausend Köpfe Personal einschließlich der Wachsoldaten. Obwohl die Front sich schon weit entfernt hatte, kamen fast täglich Lastwagen mit neuen, noch unversorgten Patienten.“

Auch wenn der kommunistische Enthusiasmus nach Kriegsende rasch der Ernüchterung über die hierarchischen Parteikader wich, betrachtete Paul Parin die Zeit in Jugoslawien rückblickend als äußerst bereichernd: „Es ist der beste Teil unseres Lebens geblieben, soziale und menschliche Verhältnisse mit der Neugier des Forschers zu durchleuchten, der Unterdrückung und Ausbeutung entgegenzutreten; befriedigt, dem eigenen Gewissen zu folgen, die Solidarität mit Gleichgesinnten genießend, können wir die vielen Fehlschläge und Niederlagen leicht verkraften. Ob das verrückt oder normal zu nennen ist? Ne smeta, einerlei“ , resümiert er am Ende von „Es ist Krieg und wir gehen hin“.

Begnadeter Geschichtenerzähler

An den 18 Texten des Partisanenbuches hatte Parin gearbeitet, nachdem er 1990 im Alter von 74 Jahren seine psychoanalytische Tätigkeit in Zürich niedergelegt hatte. „Es ist Krieg und wir gehen hin“ war Parins größter literarischer Erfolg. 1992 wurde ihm dafür der Erich-Fried-Preis verliehen, 1994 wurde der Titel in der Reihe „Rowohlt Jahrhundert“ als Taschenbuch herausgebracht. Eine Neuauflage im Rahmen der Parin-Werkausgabe erscheint im Frühjahr 2020.

„Paul war ein begnadeter Geschichtenerzähler“, erinnert sich Herausgeber Michael Reichmayr an gemeinsame Abende, die bis tief in die Nacht mit Erinnerungen aus einem Leben gefüllt waren, das nach heutigen Maßstäben alle Grenzen sprengt. „Er hatte ein fotografisches Gedächtnis, wusste noch im hohen Alter, welches Gewand die Leute in bestimmten Situationen anhatten.“ In den Genuss seiner Erzählkunst kamen die vielen Freunde, die Paul und Goldy Parin in ihrer Wohnung in Zürich regelmäßig besuchten. Fritz Morgenthaler war bereits 1984 verstorben, Goldy Matthey starb 1997 – und Johannes Reichmayr organisierte bald von Wien aus für Paul Parin einen „Abendservice“: Bis zu seinem Tod kamen jeden Abend Freunde, um für den alten, erblindenden Mann zu kochen, mit ihm gemeinsam zu essen und bis spätnachts zu diskutieren und in Erinnerungen zu schwelgen. Der Rauch von filterlosen französischen Zigaretten lag in der Luft, in der Küche sammelten sich die leeren Rotweinflaschen. Der 2007 für ARTE gedrehte Dokumentarfilm „Der Rauch der Träume“ gibt Zeugnis von dieser Phase.

Seine ausgeprägte Beobachtungsgabe schärfte Paul Parin als Sohn eines altösterreichischen Gutsbesitzers in Polzela im heutigen Slowenien bereits als kleines Kind: Aufgrund einer Hüftluxation verbrachte er zwei Jahre im Gipskorsett, aus dem er erst im Alter von fünf Jahren befreit wurde. In dieser zur Reglosigkeit verdammten Zeit sog er alle Vorgänge in seiner Umgebung auf und entwickelte jene feinen Antennen, die ihm später als Arzt, Psychologe und Autor gute Dienste erweisen sollten. 1980 trat er mit dem Erzählband „Untrügliche Zeichen von Veränderung“ erstmals literarisch in Erscheinung. Im Buch über seine Kindheit und Jugend in der slowenischen Untersteiermark erzählt er, wie nationalistische, faschistische und kommunistische Ideen Risse in die überkommene ständische Gesellschaftsordnung der Zwischenkriegszeit trieben.

Verstörendes Jagd-Buch

In insgesamt acht Büchern verarbeitete Parin bis 2003 seine Lebenserinnerungen zwischen Europa und Afrika, politischem Engagement und Psychoanalyse auf literarische Weise. Das letzte Buch, „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“, wirkt in seiner schonungslosen Offenheit verstörend: Parin schildert darin unter anderem, wie er als 13-Jähriger einen Samenerguss hat, als er einen Haselhahn schießt, und wie ihm in der Folge Jagd, Mordlust und sexuelle Erregung stets zusammengehörten. Aber auch päderastische Phantasien und Erinnerungen finden sich in dem Buch. Diese Elemente wurden vom damaligen Verlag aus der Erstauflage 2003 gestrichen. Daher entschieden sich die Brüder Reichmayr, die Parin-Werkausgabe mit einer unzensierten Fassung dieses späten Schlüsselwerks zu eröffnen – editorisch eingeleitet und mit erhellenden Essays zum Thema Jagd versehen. Bis 2023 sollen dann sämtliche literarische und wissenschaftliche Bücher sowie begleitende Korrespondenzen des faszinierenden Forschers, Erzählers und politischen Menschen Paul Parin wieder allgemein zugänglich sein.


Bisher in der Paul Parin Werkausgabe im Mandelbaum-Verlag erschienen:

  • Die Jagd – Licence for Sex and Crime. Erzählungen und Essays. Wien, Berlin 2018. 286 Seiten (Band 1).
  • Beziehungsgeflechte. Korrespondenzen von Goldy und August Matthèy, Fritz Morgenthaler und Paul Parin. Wien, Berlin 2019. 271 Seiten (Band 2).
  • Untrügliche Zeichen von Veränderung. Jahre in Slowenien. Wien, Berlin 2019. 196 Seiten (Band 3).

Weiters erhältlich:

  • Michael Reichmayr (Hrsg.): Augen Blicke West Afrika. Paul Parin als Fotograf. Psychosozial-Verlag: Gießen 2016. 110 Seiten.

Der Text erscheint am 18. Mai 2018 in der Samstagsbeilage „extra“ der Wiener Zeitung

www.wienerzeitung.at