Gegen diskursive Überhitzung

Der Begriff des strukturellen Rassismus sitzt derzeit ziemlich locker. Das Problem dabei: Egal ob unter proaktiven oder negativen Vorzeichen, als rechter weißer Rassismus oder als politisch korrekter linker Antirassismus – am Ende kommt immer Rassismus raus.

Nur wird er nicht so genannt, wenn es beispielsweise darum geht, dass ein Gedicht einer jungen schwarzen Frau aus den USA nicht von – Gottseibeiuns! – älteren weißen Männern in Europa übersetzt werden darf. Nicht einmal von hellhäutigen Transbinären aus Holland. Und wenn man diesen Umstand (mit Verlaub) eigenwillig findet, dann darf man sich gleich ins reche Winkerl stellen: Hier gehe es schließlich nicht um „beleidigte weiße Männer“, wie etwa die Wiener Gemeinderätin Mireille Ngosso im Zuge der Gorman-Gedicht-Debatte im März 2021 meinte. – Das tut es eh nicht, sondern es geht um den besorgniserregenden Umstand, dass Empathie über die Grenzen von Geschlecht, Hautfarbe und Alter hinaus zunehmend denkunmöglich erscheint.

Kritischer Blick auf die Critical Race Theory

In welchen Räumen des Irrsinns, der Sprachverdrehung und der Selbstgerechtigkeit sich die Diskurse der „Critical Race Theory“ (CRT) abspielen, beleuchtet der deutsche Sozialwissenschaftler, Blogger und Autor Sebastian Wessels in seinem Buch „Im Schatten guter Abschichten. Die postmoderne Wiederkehr des Rassendenkens“. Hervorgegangen ist der Essayband aus einem Aufsatz mit dem Titel „Der rassistische Antirassismus – Kritik einer Massenhysterie“, den Wessels im Sommer 2020 auf seinem Blog homoduplex.de veröffentlicht hat. Darin zeichnet der Autor nach, wie der Mord an George Floyd durch den inzwischen verurteilten Polizisten Derek Chauvin am 25.5.2020 als eindeutig rassistisch motiviertes Verbrechen gedeutet wurde, ohne dass es dafür konkrete Anhaltspunkte gegeben hätte. Das Opfer war schwarz, der Täter weiß. Und scheinbar alle Welt hat das als schlagenden Beweis gesehen, dass es sich um eine rassistische Tat gehandelt haben muss.

Ein Mord aus Rassismus?

Ein Mord ist ein Mord. Rassistisch ist ein Mord zum Beispiel dann, wenn der Mörder sein Opfer nach der Hautfarbe aussucht bzw. wenn die Ethnie des Anderen der Grund für die Tötung ist. Möchte man zumindest meinen. In den Berichten über den Mord an George Floyd (und auch im Prozess gegen Chauvin) gab es allerdings keinen konkreten Hinweis auf ein rassistisches Motiv im eigentlichen Sinn. Und dennoch löste der Fall eine weltweite Diskussion über den sogenannten „strukturellen Rassismus“ aus, der sich wie ein unterirdisches Pilzgeflecht durch die westlichen Gesellschaften ziehe.

Sebastian Wessels hinterfragt die Behauptung rassistischen Agierens der US-Polizisten im Fall von George Floyd und versucht nachzuzeichnen, wie es zur Einordnung als rassistischer Mord gekommen ist. Er zeigt aber auch auf, welche Fakten außer Acht gelassen werden, um die Tötung schwarzer US-Bürger automatisch unter der Rubrik „Rassismus“ verbuchen zu können. Die bittere Nachricht, dass in den USA anno 2018 in absoluten Zahlen Schwarze 11 Mal öfter von Schwarzen umgebracht wurden als von Weißen (und in relativen Zahlen 57 Mal so oft), findet in den Diskussionen über den konstatierten „strukturellen Rassismus“ zum Beispiel keine Berücksichtigung. Schwierig wird es auch, wenn man die Polizeizugriffe mit Todesfolge in Beziehung setzt zur Kriminalitätsrate: 2019 wurden in den USA 1.795 Personen von der Polizei getötet, davon 440 Schwarze. Misst man diese Zahl am Anteil von 13 Prozent schwarzer Bevölkerung, dann kommt man schnell zum Schluss, dass überdurchschnittlich viele Schwarze von der Polizei getötet wurden. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass die Beamten nicht wahllos Leute zum Exekutieren aus den Häusern fischen, sondern dass schwarze US-Bürger für mindestens 40 Prozent aller Morde und Gewaltverbrechen in den USA verantwortlich zeichnen und dadurch etwa sieben Mal so häufig mit der Polizei zu tun haben wie Weiße, relativiere sich diese Zahl wieder, schreibt Wessels.

Das Sektenhafte der CRT

Jedoch kann man in der aufgeheizten Stimmung kaum mehr stichhaltige Zahlen ins Spiel bringen, die das Narrativ des strukturellen Rassismus in Frage stellen, ohne sofort selbst des Rassismus oder zumindest seiner Verharmlosung verdächtigt zu werden. Der an der Critical Race Theory geschulte Blick der „Black Lives Matter“-Bewegung hat sich völlig verengt auf die Unterdrückung und Diskriminierung der Schwarzen durch die Weißen, die sich durch alle Lebenslagen ziehe, und das lässt wenig Raum für andere Interpretationen der Wirklichkeit.

Mit etlichen Verweisen auf US-Denker wie John McWhorter, James Lindsay und Johnathan Haidt erklärt Sebastian Wessels, was einerseits das Sektenhafte an der Critical Race Theory ist, aber auch, wie gefährlich es für liberale demokratische Gesellschaften wäre, sich auf das Denkschema des neuen Antirassismus einzulassen. Denn dieser teilt Menschen rein nach ethnischen Zugehörigkeiten ein und verliert dabei die Individuen völlig aus dem Blick. Als hellhäutiger Europäer sitzt man automatisch in derselben Rassismusfalle wie jeder weiße US-Amerikaner. Für alle, die hellhäutig sind oder „wie Weiße“ denken und agieren, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist sich seines Rassismus bewusst; oder man ist sich dessen nicht bewusst, was für ein privilegiertes und rassistisches Wesen man eigentlich sei. Wessels: „Wenn Sie weiß sind, können Sie machen, was Sie wollen – Sie sind rassistisch.“ Aus diesem Grund ist es auch gleichgültig, aus welchen Motiven der Mörder von George Floyd konkret gehandelt hat: Er ist hellhäutig, und das ist Beweis genug dafür, dass seine Tat als rassistisch zu werten sei.

Quell von Rassismus und Gegenrassismus

Dieses „antirassistische“ Denken führt zwar auf lange Sicht zu nichts Gutem (zu Rassismus und Gegenrassismus nämlich), wird aber trotzdem in unzähligen Zeitungsberichten und Diskussionen auf beiden Seiten des Atlantiks weitgehend unhinterfragt verbreitet. Dabei geht es vordergründig um die Geschichte der Sklaverei in Amerika und aktuelle Auswirkungen des Rassismus nach US-amerikanischer Prägung, aber im Kern vor allem um weiße Erbschuld und eine überlegene antirassistische Moral – um religiöse Dinge also. In so einem trunkenen Umfeld tut es gut, wenn einer einen Schritt zurücktritt und mit nüchtern-akademischem Blick die Indizien, Fakten und Argumente aufzeigt, die dagegen sprechen, dass hinter absolut jeder Tat und jedem uneindeutigen Blick, der auf einen Menschen mit dunklerer Haut fällt, als Erstes und unbedingt eine rassistische oder unterdrückende Absicht zu vermuten ist.

Die Rückkehr überwunden geglaubter Sichtweisen

Natürlich gibt es Rassismus. So wie es Verbrechen gibt. Und es ist auch gut möglich, dass die USA tatsächlich ein Rassismusproblem haben. Dennoch verdient nicht alles, was dieser Tage mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, diesen Namen. Und ebenso bringt uns nur wenig von dem, was sich Antirassismus nennt, aufgrund seiner vereinfachenden Sichtweisen gesellschaftlich weiter. Im Gegenteil: Die neue Rassentheorie ist Gift fürs Zusammenleben, weil sie – wie in überwunden geglaubten Zeiten – alle Menschen zu jeder Zeit in Rassen unterteilt und „eine essentielle, unüberwindliche Verschiedenheit zwischen diesen Rassen annimmt“. Die Einwände gegen die „kritische Rassentheorie“ argumentativ gut zu begründen, ist die Leistung von Sebastian Wessels. Sein Buch „Im Schatten guter Absichten“ ist allen zu empfehlen, die schlüssige Erklärmodelle für den medialen Hype rund ums Thema (Anti-)Rassismus suchen und in Zeiten diskursiver Überhitzung kühlen Kopf bewahren wollen.

Sebastian Wessels: Im Schatten guter Absichten. Die postmoderne Wiederkehr des Rassendenkens. Eigenverlag: 2021, 229 Seiten