Spinat und Genderdeutsch

Fabian Payr räumt in seinem Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ mit den Mythen der „geschlechtergerechten“ Sprache auf.

Jahrzehntelang wurden den Kindern der westlichen Welt Tonnen von Spinat vorgesetzt, weil der Physiologe Gustav von Bunge 1890 ermittelt hatte, dass Spinat zehn Mal so eisenreich wie anderes Gemüse und damit besonders gesund wäre. Hundert Jahre später hielt sich das Gerücht noch immer, obwohl inzwischen erwiesen war, dass es nicht stimmte: Spinat hat nicht mehr Eisen als jedes andere Grünzeug. Man hatte die Messungen von Bunges missinterpretiert und auf dieser Basis eine falsche Behauptung als vermeintliche Tatsache am Leben gehalten.

Ähnlich hartnäckig wie die Fama vom gesunden Spinat hält sich das Gerücht von der „ungerechten“ deutschen Sprache, das die feministische Sprachkritik in den 1980ern in die Welt gesetzt hat. Das generische Maskulinum im Deutschen verhülle Frauen besser als jede Burka, lautet der griffige Stehsatz der Sprachdschihadistin Luise F. Pusch. Zahlreiche Studien würden belegen, dass man weniger oft an Frauen denke, wenn Berufsbezeichnungen im generischen Maskulinum stünden. Das ist bei „die Techniker“ sicher der Fall, weil es wenige weibliche Techniker gibt. Aber ob das auch für den Satz „Die Lehrer sitzen im Konferenzzimmer“ gilt, darf bezweifelt werden.

Warum man sich das Gendern sparen sollte

Der Germanist, Romanist und Musikdidakt Fabian Payr hat in seinem Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ die Argumente der feministischen Sprachkritik einer kritischen Prüfung unterzogen. Er kommt nach eingehender Betrachtung zum Schluss, dass die aufgestellten Behauptungen der Genderbefürworter wissenschaftlich nicht haltbar sind und es viele weitere gute Gründe gibt, sich das Gendern zu sparen: sprachliche, aber auch demokratiepolitische.

Nach einer kurzen Einführung in linguistische Fachbegriffe zerlegt Payr sachlich, aber engagiert die Pro-Gender-Argumente peu à peu. Er beginnt mit generischen Wörtern wie Mensch, Person, Leiche, Geisel, Fachkraft, Mitglied, Gast etc. Diese werden unabhängig von ihrem grammatischen Geschlecht immer geschlechtsneutral aufgefasst und entkräften damit an der Wurzel das Argument, das grammatische Geschlecht verweise stets auch auf das biologische Geschlecht: Das ist Fehlannahme Nummer 1 der feministischen Sprachkritik.

Doppelnatur des Maskulinums

Als nächstes wendet sich Payr der Doppelnatur des grammatischen Maskulinums zu, das je nach Kontext sowohl spezifisch („Hans ist Lehrer“) als auch generisch verstanden werden kann („Hans und Maria sind Lehrer“). Die „movierte“ weibliche Form „Lehrerin“ dagegen werde immer spezifisch und nie generisch verstanden. Daher könne das generische Femininum „Hans und Maria sind Lehrerinnen“ den Ausgangssatz nicht sinnvoll ersetzen.

Detail am Rande: Die Endung „-in“ verweist immer auf eine weibliche Person. Die Endung „-er“ dagegen ist weder immer männlich noch ausschließlich auf Männer bezogen, wie z. B. die Wörter „Mutter“, „Opfer“ oder „Rechner“ (Rechenapparat) zeigen. Ergo: Nicht nur Frauen sind beim generischen Maskulinum „mitgemeint“, auch die Männer selbst stecken unter Luise Puschs Sprachburka.

Studien haben gezeigt …

Längst überfällig sind die von Payr vorgebrachten kritischen Einwände gegen die Studien zur Gendersprache. Auf sie wird in Medienberichten zum Thema gern verwiesen: „Studien zeigen allerdings, dass bei der Verwendung des generischen Maskulinums bei Personen eben doch an männliche Personen gedacht wird“, stand etwa am 12. Juni 2021 auf ORF Online. Ja freilich – aber nicht nur, sollte man hier einwenden. Wer z. B. den Satz „Alle Maturanten haben morgen frei“ tatsächlich nur auf Jungs bezieht, denkt entweder an ein Klassenzimmer aus dem Jahr 1920 oder ist sprachlich bereits gröber verpeilt.

Einem kritischen Blick halten die Studien zur „gerechten“ Sprache in der Regel nicht stand. Vielmehr zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass sie gravierende methodische Schwächen haben. Berühmt sind etwa die drei Studien von Braun, Sczesny und Stahlberg aus dem Jahr 2001. Bei zwei dieser Untersuchungen kamen willkürliche Stichproben (sogenannte „convenience samples“) von knapp 100 Personen aus der Altersgruppe von 20 bis 30 Jahren zum Einsatz, also Studenten, die gerade am Campus greifbar waren. Bei der dritten Untersuchung wurden Parteimitglieder befragt. Jede der drei Studien brachte im Hinblick auf „gendergerechte“ Formen andere Ergebnisse, was ihre Reliabilität in Frage stellt. Dennoch nimmt man sie nach wie vor als „Beweis“ für die Nützlichkeit des Genderns.

Zudem wird in psycholinguistischen Tests ausschließlich mit isolierten Phrasen und Fragen wie „Wer ist dein Lieblingsschauspieler?“ gearbeitet. Fabian Payr weist darauf hin, dass aus dem Kontext gerissene Einzelsätze die Sprachwirklichkeit nicht abbilden. Kommunikation funktioniert nicht im kontextfreien Raum. „Es ist leicht, den angeblichen Defekt des generischen Maskulinums zu beweisen, wenn man es auf eine Weise benutzt, die nicht seiner typischen Verwendung entspricht,“ schreibt der Autor.

„Geschlechtergerechte“ Sprache bringt nicht mehr Gerechtigkeit

Nächster Einwand: Wenn eine „geschlechtergerechte“ Sprache tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit führen würde, wie der Genderfeminismus nahelegt, dann müsste in Ländern mit Genus-neutralen Sprachen, wie der Türkei und Ungarn, die Gleichberechtigung viel ausgeprägter sein als im deutschsprachigen Raum. Oder wie es die deutsche Journalistin Judith Sevinç Basad in ihrem Buch „Schäm dich!“ formuliert: „Dann müsste dort längst ein queeres Matriarchat herrschen.“ Das ist nicht der Fall. Auch für den feministischen Stehsatz, dass die Sprache unsere Wirklichkeit präge (nämlich politisch und sozial), gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis – und mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse in der Türkei und Ungarn auch nicht die geringste Evidenz.

Biologische Geschlechter und kulturelle Geschlechtsrollen sind etwas ganz anderes als grammatische Geschlechtsformen. Wer alles in eins setzt und meint, „ausgleichend“ schreiben oder sprechen zu müssen, weil es geheime Wechselwirkungen zwischen Grammatik und Wirklichkeit gäbe, der verbessert damit nicht die politische Situation von Frauen, sondern handelt sich nur unnötige sprachliche Probleme ein.

Gewundene Sprache

Dennoch bahnt sich die Gendersprache über behördliche Vorgaben und nun verstärkt auch über Medien ihren Weg in den geschriebenen Alltag. Jedoch sind gegenderte Texte aufgrund ihrer Redundanzen und der Formalismen ermüdend zu lesen, auch wenn „Studien“ anderes behaupten. Payr belegt mit mehreren Beispieltexten, wie mühsam Genderdeutsch in der Praxis für den/die Leser/-in zu erfassen ist, der/die sich primär für die Information und nicht für das Geschlecht eines/einer Akteurs/-in interessiert.

Und noch ein Problem zeigt sich in der Genderpraxis: Die Sätze verstricken sich in grammatische Widersprüche, bestimmte Sachverhalte lassen sich bei Verzicht auf die bewährte generische Form nicht mehr anschaulich ausdrücken. Ein Beispiel: Wie soll man „gendergerecht“ schreiben, dass Angela Merkel der achte deutsche Bundeskanzler seit 1945 ist, wenn man „Bundeskanzler“ primär als Geschlechterzuschreibung und nicht als Amtsbezeichnung wahrnimmt?

  • So: „Angela Merkel ist die achte deutsche Bundeskanzlerin seit 1945.“?  – Falsch, sie ist die erste Frau in diesem Amt.
  • Oder: „Angela Merkel ist die achte der deutschen RegierungschefInnen seit 1945.“ – Macht gleich zwei Probleme: 1.) Es gibt bisher nur eine deutsche Regierungschefin. 2.) Die grammatisch korrekte männliche Form „-chefs“ wird hier vom künstlich erzeugten generischen Femininum verschluckt. Das generische Femininum mit der Nachsilbe -Innen oder in der Sternvariante -*innen wird von GenderfeministInnen gerne als ausgleichende Ungerechtigkeit für 600 Jahre generisches Maskulinum im Neuhochdeutschen gedeutet. Sein institutioneller Gebrauch ist aber, wenn es tatsächlich um sprachliche „Gerechtigkeit“ ginge, moralisch inakzeptabel, wie Payr festhält.
  • Oder: „Merkel ist die achte Person, die seit 1945 das Amt des Bundeskanzlers (m/w/d) innehat.“ – Klingt wie in einer Stellenanzeige, und man fragt sich, wer der queere Kanzler war.
  • Oder: „Merkel ist die achte Person, die seit 1945 einer deutschen Bundesregierung vorsteht.“ – Endlich neutral formuliert, aber auch ein Beispiel dafür, wie gewunden Gender-Sätze klingen, wie sie Inhalte auswaschen und verblassen lassen.
  • Bleibt noch die „klassische“ Gendervariante: „Angela Merkel ist der/die achte deutsche Bundeskanzler/-in seit 1945.“ – Das macht keinen besonders schlanken Fuß und geht bei näherer Betrachtung inhaltlich auch nicht auf .

Gegenfrage: Wird die Kanzlerin durch die Verwendung des generischen Maskulinums als Mensch, als Frau diskreditiert, wenn man schreibt: „Angela Merkel ist der achte deutsche Bundeskanzler seit 1945.“? Oder tritt nicht umgekehrt die generische Komponente der Grammatik bei dieser konventionellen Variante in den Vordergrund?

Genderdeutsch ist dysfunktional und sexistisch

Wie man es dreht und wendet: Ohne sich dem Maskulinum als bewährte generische Form anzuvertrauen, wird Deutsch in vielen Fällen dysfunktional. Und die Forderung einzelner Transbinärer, sie wollen mit noch zu erfindenden Endungen und Pronomen ebenfalls in der Grammatik „sichtbar“ werden, macht die Sache in Zukunft nicht einfacher.

Wie das Ansinnen der transbinären Menschen auch zeigt, führt das Gendern nicht zu einem Ausgleich zwischen den Genusformen, sondern kehrt im Gegenteil die sprachliche Markierung der Geschlechter stärker heraus als je zuvor. Genderdeutsch rückt die Geschlechterfrage nämlich auch dann in den Vordergrund, wenn sie inhaltlich gar nicht Thema ist. Denn ob Angela Merkel nun eine Frau ist oder ein Mann wäre: Was spielt das bei ihren politischen Entscheidungen und den sich daraus für Deutschland ergebenden Konsequenzen für eine Rolle? – Durchwegs keine. Man hätte Merkel lieber nach englischem Vorbild von Anfang an konsequent „Bundeskanzler“ nennen sollen. Das meint zumindest die Autorin Nele Pollatschek anno 2020 in einem vielbeachteten Artikel im Tagesspiegel: Alle nach 2005 geborenen Deutschen würden dann beim Wort „Bundeskanzler“ als erstes an eine Frau denken, schreibt Pollatschek, die dem Gendern forcierten Sexismus vorwirft. Fabian Payr widmet ihren Argumenten ein eigenes Kapitel.

Deutliche Mehrheit gegen das Gendern

Im Schlussteil seines Buches verweist Payr noch auf das moralisierende Gesicht des Genderns. Seine Proponenten wehren Einwände oft mit Tabuisierungsstrategien ab: Es wird so hingestellt, als wären Gendergegner durch die Bank ewiggestrige potenzielle AfD-Wähler. Allerdings zeigen Meinungsumfragen regelmäßig ein völlig anderes Bild. In bisher jeder repräsentativen Umfrage spricht sich eine eindeutige Mehrheit der Befragten gegen die Verwendung der Genderformen aus, egal ob Männer oder Frauen, Junge oder Alte, Arbeiter oder Akademiker. Die Parteigänger der Grünen zeigen sich in der Frage des Genderns oft gespalten, unter den Wählern aller anderen Parteien zeichnet sich meist eine deutliche Mehrheit dagegen ab, sogar unter jenen im linken Spektrum.

Die Ergebnisse repräsentativer Umfragen sind ein weiteres Argument, das Fabian Payr gegen das Genderdeutsch ins Treffen führt. Sein Gebrauch bei Behörden und auf Ämtern und Universitäten, aber auch in öffentlich-rechtlichen Medien hat offensichtlich keine demokratische Legitimation und stößt bei der Bevölkerung mehrheitlich auf Ablehnung. Den akademischen Soziolekt des Genderns gegen den Willen der Mehrheit institutionell in die Öffentlichkeit zu tragen, sei autoritär und vertiefe die Spaltung der Gesellschaft.

Weiter Spinat essen, weil es so gesund ist?

Am Ende zählt Payr alle „20 guten Gründe, mit dem Gendern aufzuhören“ noch einmal im Überblick auf. Jeder einzelne davon ist ein gutes Argument, in Summe aber sind sie schlagend.

Anders als Fabian Payr glaube ich allerdings nicht, dass der Genderspinat damit gegessen ist. Zu tief hat sich die Forderung „Frauen müssen in der Sprache sichtbar sein“ in den Köpfen festgesetzt. Zwar nicht bei der Allgemeinheit, aber bei jenen, die in Medien und als akademische Eliten die Deutungshoheit über die Sprache für sich beanspruchen und auch offensiv ausüben, vorneweg Behörden und die Duden-Redaktion.

Die Hardcore-Varianten des Genderns sind nicht lesbar und die im Fernsehen zelebrierte Schnackerlausführung beim Sprechen, wo man den Genderstern mit Verschlusslaut markiert, klingt stark nach logopädischer Auffälligkeit. Beides wird sich hoffentlich nicht durchsetzen. Eher glaube ich, dass es auf ein „Gendern light“ hinauslaufen wird, wie ich es in meinem Blogeintrag Wie gendern? als „moderate Beidnennung“ beschrieben habe. Fabian Payr lehnt übrigens auch diese Variante als Türöffner für alle möglichen Genderdeutsch-Verirrungen ab. Schön wär’s, wenn es damit getan wäre, denn ich stimme mit dem Autor überein, dass das generische Maskulinum die sinnvollste Sprachvariante ist. Der Versuch, die Grammatik zu ändern oder zu umgehen, führt nur zu weiteren Problemen. Besser wäre es, die Bedeutungen zu verschieben, wie es Nele Pollatschek in ihrem Text am Beispiel „Bundeskanzler“ beschreibt. Dadurch ließe sich auch die Gender- und Geschlechtsfixierung lösen, die den Diskurs aktuell beherrscht und in immer neue Sackgassen führt. Leider haben die Sprachdschihadistinnen um Luise Pusch diesen Weg als zu gemäßigt verworfen.

Fazit: Wer nach der Lektüre von „Von Menschen und Mensch*innen“ noch immer glaubt, der Sprache, der Gesellschaft und insbesondere ihrer nicht-männlichen Hälfte etwas Gutes zu tun, indem man den Genderstern setzt (nicht mal barrierefrei ist der!), der irrt in sehr vielen Punkten und kann gerne weiterhin Spinat essen, um seinen Eisenmangel in den Griff zu bekommen. Alle anderen dürfen aus guten Gründen ab sofort auf die Sprachdressur des Genderns verzichten. Man muss kein schlechtes Gewissen deswegen haben.


Fabian Payr: Von Menschen und Mensch*innen. 20 gute Gründe, mit dem Gendern aufzuhören. Springer Fachmedien: Wiesbaden 2021, 172 Seiten